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Institutionelle Erziehung

von Lusjena Ruder

Eine institutionelle Erziehung spielt im Leben der Kinder und Jugendlichen eine nicht weniger bedeutende Rolle als Erziehung in der Familie.  Erst in einer außerfamiliären Situation lernt das Kind gesellschaftlichen Werte und Normen seines Landes in seinem Handeln umzusetzen.

In der vormaligen Sowjetunion war es üblich, dass in einer Familie beide Elternteile berufstätig waren, folglich mussten die Kinder entweder bei den Großeltern oder in einem Kindergarten untergebracht werden. In ländlichen Gegenden war ersteres üblich, für die Städter dagegen war ein Kindergarten die angenehmere Lösung. Da es großer Wert darauf gelegt wurde, dass die Kinder sich möglichst viel draußen bewegen, konnte man auf dem Lande diesen Wunsch mühelos erfüllen, dagegen konnten Eltern aus der Stadt es, in ihren meist sehr kleinen Wohnungen, schlecht ermöglichen. Ein weiterer wichtiger Grund war die geringe Anzahl von Kindereinrichtungen auf dem Land. Es war möglich die Kinder schon ab 18 Monaten in einer Tagesstätte unterzubringen. Ungefähr 70% aller Kinder in der ehemaligen Sowjetunion besuchten ein Kindergarten. Nicht alle Eltern konnten sich auf einen Platz in einer Kindereinrichtung verlassen. Obwohl jeder ein Anrecht darauf hatte, gab es keine ausreichenden Unterbringungsmöglichkeiten. 

Im Unterschied zu deutschen Kindergärten öffnen die meisten Einrichtungen in den Nachfolgestaaten der UdSSR 12 Stunden am Tag; zum größten Teil bitten sie  eine Übernachtungsmöglichkeit an, die nicht selten genutzt wird. Somit werden Kinder überwiegend einer staatlichen Institution überlassen. Dadurch verbringt der Nachwuchs die meiste Zeit seines Lebens in einer großen Gemeinschaft. In dem Sowjetregime hatten diese Einrichtungen den Auftrag, von der frühsten Kindheit an den Kindern die moralischen Normen der sozialistischen Gesellschaft zu vermitteln. Es wurde viel Wert auf die Zusammengehörigkeit gelegt und das Leben in einem Kollektiv gelehrt. „Eine der zentralen Aufgaben der Vorschulerziehung in der UdSSR war neben der Vorbereitung auf den Schulunterricht und der Anhebung des allgemeinen Entwicklungsniveaus die Heranbildung hoher moralischen Eigenschaften der Kinder. Im Kindergarten sollten so früh wie möglich Grundlagen für moralische Qualitäten Erwachsener gelehrt werden, um die Kinder auf ihre späteren gesellschaftlichen Aufgaben vorzubereiten“(1) Unter moralischen Eigenschaften wurden unter anderem Arbeit zum Wohle der Gemeinschaft, Patriotismus und gegenseitige Hilfe verstanden.

Kinder, die keinen Kindergarten besuchten, holten die für die sozialistische Gesellschaft charakteristischen moralischen Grundlagen schnell in der Grundschule nach. Hier wurde dafür gesorgt das Fundament für das Gedankengut der kommunistischen Gesellschaft zu legen und diese weiter zu entwickeln. Auch im Anschluss an den Kindergarten war man darum bemüht den Kindern Werte wie Heimatliebe, Ehrlichkeit, Kollektivismus und Humanität bewusst zu machen. Vor allem legte man in der Schule viel Wert auf Verbundenheit und Solidarität, daher mussten alle Kinder eine Schuluniform tragen und gleiche Hefte haben; Schüler mit guten Leistungen waren verpflichtet den schwächeren Kameraden Nachhilfe zu geben. Die Schulklasse war in kleinere Gruppen geteilt, jede Gruppe wurde als eine Einheit  angesehen, jedes Mitglied war für den anderen verantwortlich, folglich wurde auch die ganze Gruppe für jeden Einzelnen bestraft oder ausgezeichnet. Die Schulklasse selbst war einer Schulgemeinde untergeordnet und wurde auch als eine Ganzheit angesehen, ebenso war auch die Schulgemeinde bzw. Schule einer größeren Gemeinschaft untergeordnet und so ging es weiter in immer größere Institutionen. Auf diese Weise konnte man leicht die Kontrolle über jedes einzelne Mitglied der Kommune ausüben, da alle sich gegenseitig unterstützen und damit  zwangsläufig auf einander aufpassen mussten.

Ein Klassenlehrer hatte die Aufgabe die Leistungen der Klasse und jeder einzelnen Gruppe zu kontrollieren und zu fördern, außerdem gehörten zu seiner Arbeit regelmäßige Hausbesuche und ständige Kontakte zu den Eltern. Ein Elternsprechtag fand immer mit der ganzen Klasse statt, es gab keine einzelnen  Gespräche, alle Probleme und Schwierigkeiten jeden einzelnen Schülers wurden öffentlich besprochen und kritisiert. In der UdSSR genossen alle Lehrkräfte ein großes Ansehen, ihre Autorität durfte man nie in Frage stellen, alle Schüler und sogar Eltern waren den Lehrern untergeordnet.

Mit jedem Schuljahr gewann der politische Einfluss in der Schulerziehung immer mehr an Bedeutung. Es wurde darauf Wert gelegt Kinder und Jugendliche als Nachkommenschaft für die kommunistische Partei vorzubereiten. So gehörte zu den Aufgaben jedes Schülers das Helfen bei der Ernte auf den Feldern der kollektiven Wirtschaft, dabei förderte man den Gemeinschaftssinn und das gegenseitige Helfen in Notsituationen. Schon in der Grundschule mussten alle Kinder in die Vereinigung der sogenannten „Oktoberkinder“ eintreten, etwas später kam die nächste Stufe: gegen Ende der Grundschulzeit gehörten alle Kinder der Organisation der Pionieren an, am Ende der Schulzeit durfte man in die Jugendpartei als „Komsomolzen“ eintreten, wobei nur die besten und engagiertesten Schüler aufgenommen wurden. Die Zugehörigkeit zu den „Komsomolzen“ war im übrigen Voraussetzung für eine Hochschulausbildung. Fleiß und Disziplin spielten in der institutionellen Erziehung eine große Rolle, das Benehmen der Kinder wurde gleichrangig mit jedem Unterrichtfach bewertet und alle Schulaktivitäten wurden benotet. Nicht selten waren schulische Leistungen von der Disziplin  des Kindes abhängig.

Erst bei der jüngeren Generation haben sich einige Erziehungsvorstellungen geändert. Immer noch wird überwiegend ein autoritärer Stil vertreten, jedoch ohne jegliche Referenz an kommunistische Ideale oder sozialistische Prinzipien. Dadurch, dass in allen Ländern vieles verändert und erneuert wurde, herrscht als Konsequenz der Orientierungslosigkeit des Staates in der Erziehungskonzeption eine große Unsicherheit. Es gibt keinen präzisen Entwurf wie die Erziehung in den Institutionen ablaufen sollte; vieles muss noch geplant, aufgebaut und durchgesetzt werden. Nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erzieher und Lehrer, haben in diesen Zeiten mit vielen Problemen zu kämpfen. In den Kindergärten und Schulen gibt es wenig Lehrmaterial und so gut wie kein Lernprogramm; viele Lehrkräfte benötigen eine Umschulung oder Fortbildung. Erst langsam entstehen einige neue Erziehungskonzepte die für etwas mehr Ordnung und Klarheit in den Bildungsinstitutionen sorgen, aber leider sind noch nicht alle Einrichtungen mit neuen Schulbüchern ausgestattet.


 

[1]Vgl.: Kienbaum, J.: Sozialisation von Mitgefühl und prosozialem Verhalten. In: Kinder und Jugendliche in verschiedenen Kulturen, Trommsdorff, G. (Hrsg.). – Weinheim/München; 1995, S. 87

 

 

 

 
  Copyright [ Leuschner ] 12. 2004