Hildesheim 1948-1990
Im Jahre 1948 lernte ich meinen späteren Mann Franz Kubera in Thüste im Weserbergland kennen, der gerade nach dreijähriger englischer Kriegsgefangenschaft, halb verhungert, in das durch Bomben total zerstörte Deutschland zurückgekehrt war.
In Thüste fand er seine Familie, seinen Vater und seine Geschwister, völlig verarmt nach ihrer Vertreibung aus der Heimat in Neudorf/Oberschlesien, wieder. Sein Vater hatte seit 1899 in Neudorf ein Baugeschäft geführt. Die Familie betrieb außerdem auch eine Landwirtschaft.
1952 Im Mai 1950 heirateten wir, gleich nachdem mein Mann, im Hinblick auf die Wiedereröffnung des Baugeschäftes in Hildesheim, die Maurermeisterprüfung abgelegt und seine Ausbildung als Architekt abgeschlossen hatte (Aufnahme in den Bund baugewerblich tätiger Architekten). wurde dann das Baugeschäft in Hildesheim wieder eröffnet. Der Anfang war sehr schwer. Der Betriebsaufbau erforderte unsere ganze Kraft, noch dazu in der Fremde. Von früh bis spät waren wir im Einsatz. Es war das Bestreben meines Mannes, die Familie aus der Armut herauszuführen. wurde unsere Tochter Gabriele Maria geboren, 1955 unser Sohn Reiner Johannes.
Die Firma entwickelte und vergrößerte sich zusehends, denn Deutschland befand sich in der Wiederaufbauphase.
Die Zeit verging, unsere Kinder wuchsen heran und machten uns viel Freude. Wir waren eine glückliche Familie.
Bis uns im Jahre 1973 der schwerste Schicksalsschlag heimsuchte. Unser Sohn Reiner, der in der Ferienzeit auf unseren Baustellen arbeitete, verunglückte mit einer Baumaschine tödlich im 18. Lebensjahr, nach bestandenem Abitur. Dieses Leid und dieser große Schmerz waren für uns unbeschreiblich.
Reiner war ein Kind, das von Natur aus fröhlich und gutmütig war. Er hatte ein herzliches Verhältnis zu seinen Eltern. Für ihn stand fest, später einmal in das Bauunternehmen, das sich inzwischen auf 80 Mitarbeiter vergrößert hatte, einzutreten. In Hildesheim wollte er bleiben, wo er kirchlich und politisch engagiert war, seine Freunde hatte und Fußball spielte.
Daß ich diese schwere Zeit nach dem Verlust von Reiner überhaupt überstanden habe, verdanke ich im wesentlichen meinem Mann, der mir eine große Stütze war, und unserer Tochter Gabriele, die von da an nur noch für die Eltern da war und sich nach ihnen orientierte. Sie brach ihr Studium in Göttingen ab und wechselte in ein Fach, das dem Bauunternehmen dienen könnte.
Die schmerzvollen Jahre vergingen. Unsere Tochter lernte den Diplom-Ingenieur Karl-Wilhelm Reinecker kennen, der während seines Studiums bei uns arbeitete. 1977 heirateten die beiden. Zwischen Karl-Wilhelm und uns entstand ein inniges Vertrauensverhältnis. Wir liebten ihn wie einen eigenen Sohn. Auch über seine Entscheidung, bei der Heirat unseren Namen anzunehmen, waren wir sehr glücklich. Für meinen Mann und mich lohnte es wieder zu leben, vor allem, als wir erfuhren, daß unsere Tochter ein Kind erwartete. Die Hoffnung, ein Enkelkind zu haben und daß sich die kleine Familie vergrößern würde, machte uns wieder froh. Spuren wollte mein Mann in dieser Welt hinterlassen.
Dieser glückähnliche Zustand währte nicht lange. Am 12. Dezember 1977 verstarb ganz plötzlich mein Mann im 58. Lebensjahr an einem zweiten Herzinfarkt, am Schreibtisch in seinem Büro.
Mein Mann war ein erfahrener, tatkräftiger Unternehmer, der seinen Mitmenschen stets hilfsbereit mit Rat und Tat zur Seite stand. Er war sozial eingestellt, behandelte seine Mitarbeiter fair und hatte immer ein offenes Ohr für ihre Probleme. Er war ein aufrechter, rechtschaffener Mensch mit festen Grundsätzen.
Die Geburt seines ersten Enkels erlebte er nicht mehr.
Schmerz, Trauer und Hoffnungslosigkeit kamen nach seinem Tode wieder über uns. Wir standen vor der Entscheidung, wie es nun weitergehen sollte, auch im Hinblick auf die Firma.
Ich hatte eine dreißigjährige Erfahrung in der kaufmännischen Abwicklung, mein Schwiegersohn brachte das fachliche Wissen mit, meine Tochter Gabriele hatte das Vordiplom in Jura. Das war der Stand. Hinzu kam die Ermutigung durch unsere langjährigen Mitarbeiter, Poliere und Bauführer, das Bauunternehmen weiterzuführen. Nach reiflichem Überlegen haben wir uns dann auch zu diesem Schritt entschlossen.
Ich war sehr glücklich, als im März 1978 mein erster Enkel Franz David auf die Welt kam. Im August 1981 wurde dann mein zweiter Enkel Reiner Johannes und im Januar 1983 meine Enkeltochter Katharina Maria geboren. Zwischen diesen glücklichen Ereignissen ereilte uns im Dezember 1979 ein weiterer familiärer Verlust: Meine Mutter Eugenie Keller verstarb 79jährig.
Als ich feststellen konnte, daß meine Tochter und mein Schwiegersohn gewissenhaft, umsichtig und mit großem Fleiß ihre Aufgaben in der Firma wahrnahmen, habe ich mich dann aus dem Bauunternehmen zurückgezogen und mich nur noch meinen Enkeln gewidmet. Sie sind seitdem mein ganzer Lebensinhalt, sie zu umsorgen, ist meine größte Freude. Oft bin ich mit ihnen verreist, als sie noch kleiner waren, an die Nordsee. Auch heute noch unternehmen wir gemeinsame Reisen.
Meine Tochter und mein Schwiegersohn haben die Firma enorm vergrößert und führen sie inzwischen seit zwanzig Jahren.