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Das Familiensystem von Lusjena Ruder Die Familie hat für Jugendliche, die in ihren Herkunftsländern der deutschen Minderheit angehören, eine weit aus größere Bedeutung als für die jungen Leute in Deutschland. Die Jugendlichen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion haben eine starke soziale und wirtschaftliche Bindung an ihre Familie. Wobei der Begriff Familie nicht nur die Konstellation Eltern-Kinder und gegebenenfalls Großeltern bedeutet, sondern alle Verwandten werden mit einbezogen. Die Verwandtschaft spielt eine nicht weniger wichtige Rolle als Eltern oder Geschwister, wesentlichen Entscheidungen müssen von nahezu allen Verwandten gebilligt werden. Vor allem die älteren Mitglieder der Familie werden geachtet und ihre Anweisungen meist befolgt. Die Autorität der Eltern und Großeltern wird in Allgemeinem akzeptiert. In den meisten russlanddeutschen Familien herrscht noch die traditionelle Rollenverteilung. Es wurde zwar in der GUS viel umgestaltet und modernisiert, was teilweise eine Auflösung der traditionellen Familienbeziehungen zur Folge hat, jedoch hat es sich noch nicht in Form und Entwicklungsgeschwindigkeit wie in Deutschland durchgesetzt. Die Familien der vormaligen Sowjetunion sehen sich als eine Gemeinschaft, deren Zusammenhalt für die einzelnen Familienangehörigen einfach lebensnotwendig ist.[1] Allein wegen der beschränkten Wohnsituation in ihren Herkunftsländern sind Familienangehörige viel enger an einander gebunden, als es in Bundesrepublik üblich ist. Kinder bleiben gewöhnlich bis zur Heirat in der elterlichen Wohnung. Es ist kein seltener Fall, dass auch nach der Heirat ein junges Ehepaar die Wohnung mit den Eltern teilt. Auf eine staatliche Wohnung musste ein Ehepaar gewöhnlich einige Jahre warten, also waren jüngere und ältere Generationen praktisch gezwungen zu teilen und mit einander auszukommen. Die beide Generationen (manchmal auch drei) waren zwangsläufig auf einander angewiesen: die Jüngere wegen der Wohnmöglichkeiten, die Ältere wegen finanzieller Unterstützung. Das Zusammenleben in einer Großfamilie bedeutet außerdem eine klare Aufgabenverteilung unter allen Mitgliedern, so wird auch an die Kinder ein Teil der Hausarbeit delegiert und eine gewisse Verantwortung übertragen. Sie lernen dadurch von frühesten Kindheit an auf einander aufzupassen und mit einander zu teilen. Familienangehörige erwarten von Kindern, im Zusammeleben mit den anderen früh Verantwortlichkeit und Selbstständigkeit zu zeigen. Eine Familie wird in diesen Ländern aber nicht nur als Mittel der Versorgung angesehen, sondern auch als ein wichtiger privater Lebensraum, als ein Ort der Geborgenheit und der Beschütztheit vor der Einmischung des Staates. In den Zeiten der Sowjetunion stellte die Familie einen Raum des Schutzes vor der Politisierung des Alltags dar, sie war ein Gegenstück zur gesellschaftlichen Öffentlichkeit, in der die sozialistischen Ideale, Vorschriften und Normen geprägt waren. Im Familienkreis konnten eigene Empfindungen und Ansichten frei zu Sprache gebracht und anerkannte öffentliche Werte in Frage gestellt werden. Häufig war die Familie ein einziger Ort, an dem die Gedanken offen geäußert und in der Öffentlichkeit verbotene Themen angesprochen werden konnten. So wurden den Kindern durch das Berichten von persönlichen Erlebnissen gegenläufige historische und politische Fakten vermittelt. Schon sehr früh erfuhren Kinder den Unterschied zwischen dem in der Gesellschaft verbreiteten sozialistischen Weltbild und der in der Familie geltenden Einstellung. Während des Sowjetregimes konnte die Kritik gegen das Staatssystem hart bestraft werden, so wurde in der Familie ein so genanntes doppeltes Dasein gelehrt. Draußen musste man den öffentlichen Anschauungen zustimmen und zu Hause konnte man seine individuelle Meinung aussprechen. Somit war die Familie der einzige Lebensraum, wo man sich entspannen und von der kommunistischen Alltäglichkeit abschalten konnte. Das Familienbild hat sich in den Nachfolgestaaten der UdSSR kaum geändert, insofern ist die Familie immer noch ein sehr wichtiges Organ im Leben eines heranwachsenden Russlanddeutschen. [1] Vgl.: Dietz, B., Roll, H.: Jugendliche Aussiedler – Porträt einer Zuwanderungsgeneration. Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag, 1998. S. 79-80
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