Mein Name ist Lea Maria Merten. Ich bin am 04.03.1981 in Kaukasus, Städtchen Maiski geboren und bis kurz vor dem 12. Lebensjahr dort aufgewachsen. Im Frühjahr 1993 betrat ich zum ersten mal Deutschland, das Herkunftsland meiner Ururgroßeltern. Mich findet man wo es Bücher, Computer und leckeren Milchkaffe gibt. Besonders interessant finde ich Literatur der Psychopathologie und Psychotherapie.

Zu meiner Freizeitbeschäftigung behören Partys, Billard, Tanzen. Ich koche sehr gern, male am liebsten mit Gouache und verbringe möglichst viel Zeit im Grünen.

 

 

Womit beginne ich nun meine Kindheit zu beschreiben? Beginnt sie eigentlich mit meinen frühsten Erinnerungen oder mit elterlichen Erzählungen?

Ich erinnere mich ganz klar und deutlich an ein süßes Aroma der blühenden Pflanzen und Bäumen. Ich erinnere mich an spielende Nachbarskinder, an verschiedene Spiele, an süße Kirschen aus dem Garten, an Katzen und Hunde im Hof, an im Hintergrund murmelnde  Märchenschalplatten.

 

Hierbei handelt es sich um Schalplatten mit Märchen, die ich als Kind sehr oft und gern gehört hab. Einige habe ich auswendig behalten können. Diese LPs habe ich im Jahr 1993 nicht mitgenommen und erst vor paar Jahren doch noch nach Deutschland bringen lassen. Diese Erinnerungsstücke sind mir sehr wichtig, sie symbolisieren meine Kindheit. Sie nach vielen Jahren als halbwegs Erwachsene in den Händen zu halten war als ob ich mich wiederbekommen habe.

 Am liebsten sind mir:

„Der kleine Muck“

„Sternenjunge“

„Münchhausen“

„Spieglein, Spieglein an der Wand“

„Purpurrote Blume“

Sonderlich auffällig habe ich mich von anderen Kindern nicht unterschieden, bis auf die rotblonde Haarfarbe, die in Russland als deutlichstes Merkmal für Deutsche Stammung gilt. Ganz im Gegenteil verhalf mir diese Andersartigkeit oft in den Mittelpunkt des Geschehens, so dass ich Hauptrollen in Aufführungstücken des Kindergartens oder Schule bekam oder Fremde meine Eltern (beide brünett) auf die Haarfarbe ansprachen. (lea 1987)

Erst in der Schule hörte ich einen anderen großen Unterschied zu meinen Mitschülern heraus als die Lehrerin Nachnamen aufrief um die Anwesenheit zu prüfen. Es klang einfach komisch, total unnatürlich, weil aus dem Nachname „Littau“ sich im Gegensatz zu russischen Nachnamen kein Geschlecht herauserkennen lies. So hatten alle Mädchen automatisch ein „a“ am Ende ihres Namens und dadurch auch zum weiblichen Geschlecht gehörend, aber mein Name war einfach fremd und starr, geschlechtslos. Eigentlich betonte es die Andersartigkeit, eigentlich machte es mich zu etwas besonderem, eigentlich fand ich das total schön, bis eines Tages „Faschistin“ zu mir gerufen wurde. Was es auch immer war, es klang einfach schlecht und böse.

Zu Hause habe ich dann meine Mama gefragt und wurde dann über meine Nationalität aufgeklärt. Es ergab auch einen Sinn, schließlich hat mein Vater manchmal irgendwas Komisches geredet, heute weiß ich es handelte sich um „gute Nacht“ oder andere beiläufige Ausdrücke wie „komm zu Tisch“ etc.

In meiner Klasse waren noch andere deutsche Kinder, Natascha Mendig und die Zwillinge Pfennig. Es entwickelte sich eine Freundschaft aufgrund der Nationalitätengemeinsamkeit. Untereinander tauschten wir Deutschkenntnisse und Geschichten unserer Eltern über das Deutschtum aus.

Irgendwann im Jahr 1992 wurde in der standardisierten Familienkonferenz der Umzug nach Deutschland diskutiert. Meine Eltern legten großen Wert drauf die Einverständnisse meiner Schwester und mir einzuholen. Über das ferne Land wurden ja reichlich schöne Geschichten erzählt. Wie im Paradies, so schön soll es in Deutschland sein.

Der erste schwierige Umbruch war die Trennung von Gewohntem und Liebgewonnenem. Familie, Freunde, Bekannte, Schule, Kirche, Natur, Kindheit.

 

Jedoch trösteten die großen hellen Zukunftsaussichten, die Hoffnungen auf ganz neue Möglichkeiten über den materiellen und emotionalen Verlust hinweg. Von Freunden habe ich mich für immer verabschiedet, weder Briefverkehr noch Telefonate versprochen. Vielleicht weil die Freundschaften mit 11 Jahren noch nicht so stabil waren oder weil ich für mich persönlich innerlichen Schlussstrich gezogen habe um mit der Trennung besser umzugehen.

Die Reise begann mit einer dreitägigen Zugfahrt nach Moskau. Es waren so viele neue  Erlebnisse auf einmal. Eine lange Zugfahrt in Schlafwagons. Die Hauptstadt Russlands mit ihren unendlichen Strassen durch Wohnsiedlungen. Viele fremde Menschen eilten irgendwohin. Die wunderschöne Metro mit bemalten Wänden. Und der laufende Countdown bis zum Flug nach Düsseldorf. 

Am Flughafen wurden wir von Bekannten, die aus unserem Heimatstädtchen bereits nach Deutschland umgezogen waren, empfangen und begrüßt. Kurz drauf marschierten alle Russlanddeutschen samt ihrem Handgepäck zu einem Bus, der uns irgendwohin fuhr. Ich habe mich leise nach vorn gewagt, einen Platz vorgesetzt um besser auf die Strasse sehen zu können. Dieser Bus war ganz anders, mit vielen kleinen Lämpchen und Leuchten, mit sauberen weichen Sitzen, unterschied sich sehr stark im Komfort von russischen „Autobussen“. Auch die außergewöhnlich breite Strasse war belebt mit ganz tollen, bunten, sauberen Autos. Die neunen Eindrücke nahmen einfach kein Ende bis dieser weiche Bus irgendwo hielt. Nach einer Reihe Anmeldungen und Unterschriften standen wir vor einer Zimmertür hinter der sich unsere Schlafplätze für die nächsten Tage verschlossen hielten. Für mich war es ein Schock als mir zwischen den Doppelbetten bewusst worden war, dass im gleichen Zimmer nicht nur mein Vater, sondern noch weitere 8 fremde Männer und Frauen schlafen werden.

Schluchzend ging ich dann im wahrsten Sinne des Wortes kalt duschen, weil der Kaltwasserhahn in der Dusche abbrach und mein Vater auch noch zur Hilfe eilte um diesen zu stopfen, mich zwangsläufig nackt gesehen hat.  

An diesem Tag, dem 1 März 1993 wurde mir einfach meine Privatsphäre genommen, seit diesem Tag hatte ich diese auch nicht mehr zu verlieren und lies mich einfach von nichts mehr schocken!

Dabei hatten wir auch noch richtig Glück gehabt. Viele Neuankömmlinge lebten die eine Woche des ersten Registrierungslagers in Sportsälen.

Aus Bramsche zogen wir zum nächsten Durchgangspunkt in Unna-Massen. Wie gewohnt besuchten meine Eltern die Termine bei Ämtern. Meine Schwester und ich besuchten eine Schule und da erkannte ich die Privilegien und Problemen in der neuen Schulsituation. Ein Lehrer, der mich weder verstand noch autoritär angemessenes Benehmen forderte, war in meinen Augen einfach lächerlich. Total interessant fand ich die neuen absolut anderen Aufgaben im Unterricht, die mit viel Spiel und Spaß zu lösen waren.

Kaum an das wackelige Doppelbettgestell in dem kleinen Zimmer Unna-Massener Siedlung gewöhnt, packten wir wieder Koffer um die nächste Bleibe in Waldbröl für weitere 6 Monate zu bewohnen. Während dieser Zeit besuchten meine Eltern einen Sprachkurs, meine Schwester und ich die Waldbröler Hauptschule. Diese Zeit war einfach nur schrecklich. Es gab gewaltigen Stress in der Schule ergänzt von Spannungssituation daheim. Wir waren einfach alle sehr übermüdet von dieser absolut neuen Situation in einer noch recht fremden Sprache. Aber auch diese Zeit ging vorbei. Meine Eltern bemühten sich um eine Wohnung in einem kleinem Dorf, Katzenbach, die wir nach der Sprachkursabsolvierung bezogen.

Und wieder mal neue Lebenssituation, neue Schule, altbekannter Stress nur mit anderen Kids im Schulbus. Kaum russischsprachige Jugendliche. Kaum irgendwelche Jugendliche im Ort. Meine Freizeit wurde fast vollständig von praktischem Sprachunterricht mit unseren ehemaligen Wohnungsvermieter ausgefüllt. Diesem Rentner habe ich die schnelle Sprachbarriereüberwindung zu verdanken. Dadurch löste ich mich auch recht schnell von russlanddeutschem Freundeskreis in dem ich mehr Konkurrenzkämpfe als Freundschaft erfahren habe. Allgemein kam ich mit dieser vortäuschenden Egoart nicht zu Recht. Auf meine Fragen wusste oft niemand eine Antwort.

Nach zwei Jahren in Deutschland und anderthalb Jahren in diesem kleinen Dorf entwickelte sich ein ganz neues Interesse für Psychologie. Aus der Stadtbibliothek verschaffte ich mir Lehrbücher und Fachliteratur dieser Wissenschaft. Anfangs ließen sich die deutschen Texte schwer lesen, aber auch das schwand von Tag zu Tag. Im Gegensatz zu Russlanddeutschen diskutierte meine beste Freundin (deutsche) ohne jegliche Berührungsängste, offen mit mir über Psychologie. Auch in der Schule verbesserten sich meine Noten parallel zur Sprachentwicklung und ermöglichten mir dadurch einen weiteren Schulweg bis zum entfernten Ziel eines Studiums.

Vor einem Jahr erlebte ich einen intensiven Nostalgieschub und suchte nach eigenen Wurzeln. Durch Musik und Filme den Schwung wieder gefunden. Im FH - Seminar für Russlanddeutsche  interessante Menschen kennen gelernt, die mir durch ihr Wesen Mut, Bestätigung und eine ganz andere weiche Wärme schenken, mit mir ein Stück tiefer Verbundenheit teilen. 

Einige meiner Lieblingsaphorismen:

Wenn Du es aufschiebst,
versäumst Du das LEBEN.         (Seneca)

Heim kommt man nie,
aber wo befreundete Wege zusammenlaufen,
da sieht die ganze Welt für eine Stunde
wie Heimat aus.                           (Hermann Hesse)

Erziehen
heißt vorleben:
Alles andere
ist höchstens Dressur                   (Oswald Bumke)

Zu meinem Lebensmotto gehört unter anderem:

 

„Jeder hat ne zweite Chance verdient“