In der Stellungnahme zu den Aussiedlern taucht sehr häufig der Begriff der Integration auf. Er wird in verschiedenen Bedeutungen gebraucht und lässt einen breiten Raum für ideologische Interpretationen offen. Die entscheidenden Impulse zur Integrationsfrage sind aus dem Einwanderungsland USA ausgegangen, die nicht nur die Migrationssoziologie nachhaltig geprägt, sondern auch die politische Diskussion beeinflusst haben. Das von Park (1959a [1926]) (1) vorgestellte Eingliederungsmodell war außerordentlich einflussreich und kann als Paradigma der klassischen Eingliederungsforschung gelten. Park geht davon aus, dass die Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen stets einem bestimmten Muster folgen. Die Stufenfolge seines Modells besteht aus den Elementen „Kontakt“ (contact), „Wettbewerb/Konflikt“ (competition), „Akkomodation“ (accomodation) und „Assimilation“ (assimilation). Die Phase des Kontaktes verläuft Park zufolge überwiegend friedlich ist durch den Austausch von Informationen gekennzeichnet. Wenn die Einwanderer nach einiger Zeit verstärkt versuchen, ihre Lebenssituation zu verbessern und ihre Migrationsziele zu verwirklichen, gerieten sie jedoch zunehmend in Konkurrenz zu den Einheimischen, und es entstehe ein Wettbewerb um begehrte Berufspositionen, Wohngegenden und andere Ressourcen. Dieser Wettbewerb münde in einen Konflikt, wenn die Migranten nicht freiwillig nur die von den Einheimischen nicht beanspruchten Ressourcen anstrebten. Insbesondere dann, wenn eine größere Zahl von Personen zugewandert sei, komme es in dieser Phase zu Diskriminierungen, Unruhen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Als Folge dieser Konflikte entwickelten sich in der Phase der Akkomodation stabile Formen des Zusammenlebens, die dadurch ermöglicht würden, dass sich die machtunterlegene Gruppe in berufliche Nischen und abgesonderte Wohngegenden zurückziehe und die unteren Schichtungspositionen nun widerstandslos einnehme. Diese Strukturen, die zunehmend als legitime Ordnung angesehen würden, reproduzierten die Benachteiligungen der eingewanderten Bevölkerungsgruppe. Enge persönliche Kontakte untergrüben und schwächten die ethnischen Grenzen aber schließlich von innen heraus. In der Phase der Assimilation komme es dann zu einer zunehmenden Vermischung der ethnischen Gruppen mit der Mehrheitsgesellschaft.
Die Assimilation von Park wird als ein sowohl zwangsläufiger als auch wünschenswerter Prozess kollektiver Anpassung begriffen, der schließlich zum Verschwinden ethnischer Minderheiten als distinkter Gruppen führt. Dieser Prozess verläuft aber über eine einseitige Angleichung der Einwanderer an die Kultur des Aufnahmelandes. Die Forderung nach Assimilation, als Endphase der Integration, auf Zuwanderer bezogen würde dann bedeuten: die eigene Kultur aufgeben und sich der Kultur der aufnehmenden Gesellschaft „vollständig“ anzupassen.
Laut Dietz (2) bezeichnet Integration (Eingliederung) die Aufnahme von Immigranten in das Wirtschafts- und Sozialsystem des Zuwanderungslandes. Integration umfasst grundsätzlich alle Bereiche des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens und impliziert in letzter Konsequenz eine gleichberechtigte Partizipation der Zuwanderer am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben des Aufnahmelandes. Integration misst sich nicht an der uneingeschränkten (kulturellen) Anpassung der Zuwanderer an die Aufnahmegesellschaft. Als Integrationsziele lassen sich vielmehr formulieren, dass die Zuwanderer – unter Anerkennung der für alle geltenden Grundrechte des Aufnahmelandes – gleichberechtigt an den gesellschaftlichen Ressourcen teilhaben können ohne ihre eigene Identität aufgeben zu müssen. Integration ist ein wechselseitiger Prozess, der die Zuwanderer und die Aufnahmegesellschaft einbezieht.
Der Integrationsprozess eines Aussiedlerjugendlichen verläuft Kossolapow (3) zufolge nach vier Integrationsphasen:
· Erste Integrationsphase (Einstiegsphase) (0-1 Jahr) ist durch hohe, z.T. unrealistische Erwartungen, Konsumdefizit, Fehlen einer eigenen materiellen Basis, Unterstützungssituation, soziokulturelle und psychosoziale Verunsicherung gekennzeichnet.
· Zweite Integrationsphase (Kontaktaufnahmephase) (2-3 Jahre) ist durch schulische und berufliche Anknüpfung, vermehrten Umgang mit Einheimischen, teils Jugendlichen, teils Erwachsenen, realitätsgeprüftere Einschätzung von Mitteln und Möglichkeiten, erhöhtes eigenes Bemühen um Anschlussgewinnung gekennzeichnet.
· Dritte Integrationsphase (Einbezugsphase) (4-5 Jahre) ist durch örtliche, schulische, berufliche Sicherung, eine gewisse Vertrautheit mit den Einheimischenverhältnissen, mögliche kritische Reaktionen, Erfahrung struktureller Bedingungen (bewusst oder unbewusst), Sehen von Grenzen für die eigenen Bemühungen gekennzeichnet.
· Vierte Integrationsphase (Identitätsfindungsphase) (über 5 Jahre) ist durch die Herausbildung von typischen „Misch-Kultur“-Formen, Beibehalten von hergebrachten Gewohnheiten neben neuen Einstellungen zu Zeit, Arbeit, Gemeinschaft usw., Versuch einer Ausbalancierung der gemeinsamen Lebensprinzipien unter übergeordneten Integrationsgesichtspunkten (z.B. Aufstieg, Demokratie, Glaube/Religion u.a.) gekennzeichnet.
Bei der Integration von Zuwanderern spielt die zeitliche Dimension eine wesentliche Rolle. In vielen Fällen stellt sie einen Prozess über Generationen dar. Dabei darf keineswegs generell davon ausgegangen werden, dass durch Aufenthaltsdauer allein die Probleme der Integration gelöst werden.
[1] Strobl, R., Kühnel, W.: Dazugehörig und ausgegrenzt: Analysen zu Integrationschancen junger Aussiedler, Weinheim 2000, S. 47
[2] Dietz, B.: Jugendliche Aussiedler : Ausreise, Aufnahme, Integration, Berlin 1997, S. 38
[3] Kossolapow, L.: Aussiedler- Jugendliche. Ein Beitrag zur Integration Deutscher aus dem Osten. Weinheim 1987, S. 67-68