|
|
|||
|
|||
| |
|
| |
|
| Besuchen sie auch: |
|
http://www.bundesauslaenderbeauftragte.de/ |
|
|
||
| |
||
|
Konfliktsituationen von Lusjena Ruder Jugendliche müssen sich in der Übergangsphase zum Erwachsenen vielen Aufgaben stellen. Sie befinden sich in einem Lernprozess, wo sie sich Kompetenzen aneignen, die zur konstruktiven und zufriedenstellenden Bewältigung des Lebens in einer Gesellschaft notwendig sind (1). Nach Oerter und Dreher zählen zu den wichtigsten Entwicklungsaufgaben im Jugendalter unter anderem:
· Peer. Einen Freundeskreis aufbauen, d.h. zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts neue, tiefere Beziehungen aufbauen. · Rolle. Sich das Verhalten aneignen, das in unserer Gesellschaft zur Rolle eines Mannes bzw. zur Rolle einer Frau gehört. · Ablösung. Sich von den Eltern loslösen, d.h. von den Eltern unabhängig werden. · Beruf. Sich über Ausbildung und Beruf Gedanken machen: Überlegen, was man werden will und was man dafür können bzw. lernen muss. · Selbst. Sich selbst kennen lernen und wissen, wie andere einen sehen, d.h. Klarheit über sich selbst gewinnen. · Werte. Eigene Wertanschauung entwickeln: Sich darüber klar werden, welche Werte man vertritt und an welchen Prinzipien man das eigene Handeln ausrichten will.(2).
Nach der Betrachtung von all diesen Obliegenheiten, die Jugendliche ungefähr im Alter ab 12 Jahren zu bewältigen haben, erstaunt es nicht, dass es zu Überempfindlichkeit, Gemütsschwankungen, Selbstunsicherheit und dadurch zu vielen verschiedenen Konflikten in der Umgebung sowie in sich selbst führt. Wenn man bedenkt, dass Jugendliche in einer so schwierigen Phase aus dem Herkunftsland auswandern und in ein völlig fremdes Land einreisen, wo sie dauerhaft bleiben sollen, dann ist das Auftreten von Konflikten vorprogrammiert. Denn durch eine Migration kommen viele neue Spannungssituationen und Auseinandersetzungen dazu und so werden auch gewöhnliche, mit Adoleszenz verbundene Schwierigkeiten intensiviert. In einem doppelten Sinne müssen sich diese Jugendlichen ihrer adoleszenten Aufgabe stellen: In aufwendigen Lernprozessen erarbeiten sie sich nicht nur eigene, ihrem Alter angemessene Handlungspraktiken und Orientierungen, sie müssen sich zugleich mit einer neuen Gesellschaftsordnung mit eigenen, ihnen unbekannten jugendkulturellen Orientierungen bekannt machen, diese sich aneignen, sie interpretieren und für sich individuell oder kollektiv in einen handlungsleitenden Bezugsrahmen bringen.(3) Die aus dem Herkunftsland gekannte Weltanschauung wird mit der Ausreise auf den Kopf gestellt, denn das bisher bekannte komplexe Wertesystem ist überholt und somit nicht mehr brauchbar. Zu den vielen schwierigen Entwicklungsaufgaben kommt noch eine Neuorientierungsphase, somit sind Aussiedlerjugendliche einer doppelten Belastung ausgesetzt. Die daraus entstehenden Konflikte, tauchen wie in der Familie oder den Peergruppen so auch beinah in allen Alltagssituationen auf. Die bis dato gelebte Familienordnung fällt immer schneller auseinander und wird durch eine neue ersetzt. Die Familienautoritäten können diesen Prozess nicht stoppen, der Widerstand dagegen führt zu Konflikten und Spannungen in der Familie. Vor allem der gewonnene Machtanteil der Jugendlichen, der oft durch die Sprachkompetenz entsteht und neue Freiräume schafft, löst bei den Eltern Proteste aus. Die Konflikte entstehen, wenn Kinder ihren Eltern widersprechen oder nicht nach Erlaubnis und Meinung fragen. Die Familienautoritäten erleiden einen Statusverlust und verlieren, durch Arbeitslosigkeit, Orientierungslosigkeit und nicht selten vorhandenen Alkoholismus, endgültig ihre Vorbildfunktion. Viele Jugendliche erleben die Familie nicht mehr als Unterstützung und sehen den Familienverbund nicht als notwendig und vorteilsbringend. Trotz dieser veränderten Lage bleiben Aussiedlerjugendliche oft, wegen der finanziellen Abhängigkeit, auch nach der Volljährigkeit eine lange Zeit bei ihren Eltern. Das weitere Zusammenleben führt meist zu dauerhaften Konfliktsituationen. Um den Spannungen in der Familie zu entfliehen und um den neuen Lebensstil zu erproben, verbringen viele Jugendliche ihre Zeit mit Gleichaltrigen. Hier suchen die Russlanddeutschen nicht nur nach Bestätigung und Verständnis, sondern auch nach Orientierung in einer neuen Welt. In hiesigen Peergruppen begegnen sie den Verhaltensmustern, die ihnen bisher nicht bekannt waren, so prallen die verschiedenen Handlungsweisen aufeinander und auch unter Gleichaltrigen entstehen Konflikte. Vor allem in den in partnerschaftlichen Beziehungen kommt es zu etlichen Auseinandersetzungen, da diese Bindungen unterschiedlich definiert werden. Während bei jungen Menschen in Deutschland die ersten Partnerschaften oftmals den Charakter des schnell Vergänglichen und leicht Austauschbaren haben, werden bei russlanddeutschen Jugendlichen die ersten Beziehungen meist als ernsthafte und langfristige Bindungen angesehen. Das schnell umgewandelte Verhalten der weiblichen Jugendlichen führt ebenso zur Konfrontationen in Beziehungen und Gruppen, denn junge Frauen sehen eine fortgeschrittene Emanzipation in Deutschland und beginnen die bis jetzt bekannte patriarchalische Aufgabenteilung abzulehnen. Auch die ungewohnte Selbstbestimmungen und Freiräume in pädagogischen Institutionen irritieren häufig russlanddeutsche Jugendliche. Die Grenze zwischen der Nutzung der neuen Freiheiten und dem überschreiten der Grenzen vor allem im Bezug auf den respektvollen zwischenmenschlichen Umgang stellt für viele ein Problem dar. Die autoritäre Erziehung in der Kindheit ließ meistens keinen Raum für das Ausprobieren dieser Möglichkeiten. Deshalb entstehen Schwierigkeiten und Missverständnisse in dem Umgang mit den Lehrern, Ausbildungsmeistern und anderen pädagogischen Kräften. „Der in Russland gültige Verhaltenskodex hat seine Bedeutung verloren, ihnen fehlen damit verbundene Sicherheiten."(4) So werden die Freiräume, wie offene aber respektvolle Kritik oder die gesetzlichen Freiheiten (Meinungsfreiheit), oft von russlanddeutschen Jugendlichen falsch bewertet und überstrapaziert. Die Schule ist einer der häufigsten Konfliktorte. Dabei sind die Konflikte zwischen Einheimischen und Aussiedlern nach Schultypen unterschiedlich ausgeprägt. Relativ erfolgreich scheint die Integration von Einheimischen und Aussiedlerkindern in der Grundschule zu verlaufen. Ganz anders verhält es sich bei den befragten Aussiedlerjugendlichen und der einheimischen Jugend, die eine Hauptschule besuchen. Hier scheinen massive Anpassungsprobleme auf beiden Seiten zu geben. So berichten die Russlanddeutschen von Streitereien mit den einheimischen Jugendlichen, die manchmal auch in Massenschlägereien enden.(5) Da Konflikte meistens von mindestens zwei Standpunkten bzw. Sichtweisen aus beobachtet werden können, sind sowohl die Standpunkte der russlanddeutschen Jugendlichen wie auch der einheimischen Bevölkerung zu betrachten. Die russlanddeutschen Jugendlichen suchen sich passend zu ihrer Anschauung eine Gruppe, in der sie sich die frisch angenommenen Werte sichern können und bleiben somit unter sich. Da die Aussiedlerjugendlichen sich noch sehr unsicher in Deutschland fühlen, treten sie oft in Gruppen auf, sie beziehen sich fast ausschließlich auf einander und reden russisch. Durch ein solches Verhalten fühlen sich die Ansässigen oft verunsichert und bedroht, so versuchen sie diese Jugendlichen von sich fernzuhalten und Begegnungen zu vermeiden. Die Russlanddeutschen wiederum fühlen sich durch die Handlungen der Einheimischen abgelehnt, ausgegrenzt und nicht verstanden. Die gegenseitige Begegnung und der Werteaustausch bleiben weitgehend aus. Außerdem sieht sich die Jugend oft als Konkurrenz in bezug auf den Arbeits- und Ausbildungsmarkt oder bei der „Gunst“ der staatlichen Organe und deren Förderung. Das führt zur gegenseitigen Abneigung und Verbitterung den anderen gegenüber. Konflikte entstehen auf Grund von Missverständnissen, die u.a. kulturelle, familiäre oder sprachliche Hintergründe haben. Die Begegnung miteinander ist für alle oft sehr problematisch, da nicht nur diese Faktoren, sondern auch die eigene Verunsicherung und mangelhaftes Wissen voneinander eine bedeutende Rolle spielen. Zu all den aufgeführten Problemen kommen noch die Konflikte in den Jugendlichen selbst. Denn die russlanddeutschen Jugendlichen pendeln im Alltag ständig zwischen den einzelnen Erwartungen. Die Zerrissenheit bietet keine Stabilität und ist immer mit Druck und Angespanntheit verbunden. Das Erleben der Gleichgültigkeit und der Ablehnung ist häufig. Diese Jugendlichen haben enorme Schwierigkeiten Klarheit über sich selbst zu gewinnen und eigene Wertanschauung zu entwickeln. Die Familie kann keine Orientierung, keinen Schutz- und Rückzugsraum anbieten und die staatlichen Angebote sind entweder nicht ausreichend oder erreichen die Jugendlichen nicht. Sie sind oft verzweifelt und hoffnungslos, denn sie haben keine klaren Zielsetzungen und können somit keine Zukunftsperspektive entwickeln. Das Zusammenspiel dieser verschiedenen Faktoren erschwert das Einleben der russlanddeutschen Jugendlichen in die Gesellschaft der Bundesrepublik. Sie müssen viele Schwierigkeiten und Hindernisse überwinden und unzählige Aufgaben bewältigen, um nicht als Störelement, sondern als gleichwertiger Mitglied einer Gemeinschaft angesehen werden. [1] Vgl. : Oerter, R./Dreher, E.: Jugendalter: Entwicklungspsychologie. Berlin 2002, S. 268 [2] Zi. : ebd. S. 271 [3] Vgl. : Herwartz-Emden, L. / Westphal, M.: Integration junger Aussiedler: Entwicklungsbedingungen und Akkulturationsprozesse. Internetseite: http://www.herwartz-emden.de/onli/inte.html [4] Zi. : Schäfer, H.: „junge Russen“ in Deutschland – Aussiedler verloren zwischen Herkunft und Zukunft? München 2002, S. 56 [5] Vgl. : Eckert, R. / Reis, C. / Wetzstein, T.A.: In: Aussiedler: deutsche Einwanderer aus Osteuropa. Osnabrück 1999, S. 199
|
|
|
||
|
|
||
|
|
Copyright [ Leuschner ] 12. 2004 | |