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Freizeitverhalten in Deutschland

von Lusjena Ruder

„Freizeit bietet gerade für junge Menschen die Möglichkeit der Artikulation von Lebensstillen und Selbstinszenierungen. Sie bietet Freiräume und Autonomie, Kreativität und Spontaneität und vermittelt gleichzeitig Sicherheit und Orientierung durch Gruppenzugehörigkeit. Ob jugendliche Aussiedler über die entsprechenden Zugänge zu solch einem positiven Freizeitverhalten besitzen, scheint – zumindest teilweise – eher fraglich.(1)"

Nach der Einreise sind Kinder und Jugendliche nur auf ihre Familie und das Alleinsein zurückgeworfen. Die ersten Kontakte und Freundschaften entstehen zunächst in den Übergangsheimen. Viele besuchen zwar eine Schule, aber ohne Sprachkenntnisse können sie keinen Kontakt zu einheimischen Gleichaltrigen aufnehmen. Sie beschränken sich anfangs nur auf die russischsprechenden Kinder und Jugendlichen. Nach  Ergebnissen aus Baden-Württemberg beziehen sich Kontakte und Freundschaften von jungen Russlanddeutschen vor allem auf andere Russlanddeutsche, jeder zweite Befragte hat ausschließlich solche Freunde(2)

Erst langsam entstehen Kontakte und freundschaftliche Beziehungen zu einheimischen und anderen deutschsprechenden Gleichaltrigen. Auch wenn die sprachliche Barriere überwunden ist, bleiben jugendliche Aussiedler meistens untereinander. Erfahrungsgemäß halten, außer Sprache die gleichen Bräuche, Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Gefühle sie zusammen. Außerdem verbinden sie dieselben anfänglichen Schwierigkeiten und ähnliche Erlebnisse, sie teilen miteinander ihre ersten Eindrücke, helfen und beraten sich gegenseitig. Was ebenfalls wichtig ist: sie fühlen sich in dieser Gruppe akzeptiert, verstanden und geborgen.  

Auch die Befragung der russlanddeutschen Jugendlichen aus Dormagen hat ergeben, dass die meisten Aussiedler unter ihren Landsleuten bleiben und nur selten in ihrem Freundeskreis einheimische Jugendliche haben. Die Einstellung den Ausländerjugendlichen gegenüber fiel  etwas positiver aus, so verbringen Aussiedlerjugendliche eher ihre freie Zeit mit den Ausländern als mit den Einheimischen (3). Allerdings muss man anmerken, dass es vorwiegend Jugendliche aus christlichen Ländern (Polen, Italien) und viel seltener aus dem moslemischen Bereich sind. Es lässt sich vermuten, dass jugendliche Ausländer und Aussiedler, sich gegenseitig mehr Verständnis und Respekt aufbringen, wenn ähnliche Erlebnisse und Probleme wie Vorurteile und Ablehnung sie verbinden. Ebenso fällt auf, dass weibliche Jugendliche eher den Kontakt zu Einheimischen aber auch zu  Ausländern aufnehmen als ihre männlichen Altersgenossen. Dies könnte die Folge der traditionellen Rollenverteilung in der Erziehung sein, da in den Herkunftsfamilien die Frauen zu mehr Akzeptanz, Toleranz und Anpassungsfähigkeit den Anderen gegenüber erzogen werden. 

In den nachfolgenden Grafiken wird die Differenz zwischen Antworten von männlichen und weiblichen Befragten deutlich.

Abbildung 1: Hast du in deinem Freundeskreis einheimische Jugendliche?

 

Abbildung 2: Hast du in deinem Freundeskreis Ausländerjugendliche?

An Hand der beiden Grafiken ist zu sehen, dass fast die Hälfte der befragten Jugendlichen, bei den männlichen sogar über 55%, keinen Kontakt zu einheimischen Gleichaltrigen hat, nur 21% aller Befragten, bei männlichen 11%, haben mehrere einheimische Freunde. Mit den Kontakten zu anderen Nationalitäten sieht es zwar etwas besser aus, ca.35% der jugendlichen Aussiedler haben Freunde aus dieser Gruppe, aber am häufigsten bleiben  sie wie gesagt unter ihren Landsleuten. 

In der Regel steht dahinter keine bewusste Wahl, entscheidend sind die Gegebenheiten; hier werden die Auswirkungen von Übergangswohnheimen sowie der großen Konzentration von Russlanddeutschen an bestimmten Schulen deutlich. Die ersten soziale Kontakte werden automatisch untereinander geknüpft, da die Bezugspersonen in der Zeit nach der Ausreise fast ausschließlich Landsleute sind.

Die neu ankommenden Jugendlichen schließen sich den bereits hier lebenden Russlanddeutschen an. Meistens sind das große, altersgemischte Cliquen, in denen hierarchische Strukturen herrschen. Die Gruppen halten stark zusammen und treten meist gemeinsam auf. Die beliebtesten Treffpunkte sind, wie seinerzeit in den Herkunftsländern gewöhnlich war, Hauseingänge, benachbarte Parkplätze, die Straße oder einfach die freie Natur. Im Vergleich zu der früheren Freizeitgestaltung im Herkunftsland haben sich in Deutschland einige Verhaltensmuster verändert. Zu der beliebtesten Freizeitaktivität gehört zwar immer noch das Treffen mit Freunden und Bekannten, aber etliche andere Beschäftigungen haben sich neu entwickelt. Nach einer Befragung der russlanddeutschen Jugendlichen aus Dormagen hat sich folgendes Bild ergeben.

Tabelle:3  Freizeitgestaltung der jugendlichen Spätaussiedler der Stadt Dormagen (mehrere Nennungen möglich)

Freizeitgestaltung

Insgesamt

14 (%)

Männlich

(9) (%)

Weiblich

(5) (%)

Mit Freunden und Bekannten

Sport treiben

Diskothekenbesuch

Musikhören

Ausgehen

Lesen

Fernsehen

Mit der Familie

Zu kulturellen Veranstaltungen gehen

Trinken gehen

Computer

Deutsch lernen

Habe keine Freizeit

Nichts tun

11 (78,6)

3   (21)

4   (28,6)

7   (50)

3   (21)

5   (35,7)

10 (71)

5   (35,7)

1   (7)

4  (28,6)

6   (43)

4   (28,6)

1   (7)

8   (57)

 

8  (89)

2  (22)

1  (11)

4  (44)

1  (11)

2  (22)

7  (78)

2  (22)

0  (0)

3  (33)

4  (44)

1  (11)

0  (0)

6  (66,6)

 

3  (60)

1  (20)

2  (60)

5  (100)

2  (40)

3  (60)

3  (60)

3  (60)

1  (20)

1  (20)

2  (40)

3  (60)

1  (20)

2  (40)

 

Sofern man frühere Beschäftigungen mit heutigen vergleicht, sieht man deutliche Veränderungen im Medienkonsum. So verbringen jugendliche Aussiedler in Deutschland deutlich mehr Zeit vor dem Fernseher, hören öfter Musik und beschäftigen sich mehr mit dem Lesen als in Herkunftsland. Auch der Computer ist hier zu einem beliebten Hobby geworden, 43% aller Befragten gaben an sich damit in der Freizeit zu beschäftigen; vor der Aussiedlung jedoch war es keine Beschäftigung, die ein besonderes Ansehen hatte. Ebenfalls bei den Sportaktivitäten ist eine Veränderung festzustellen dahingehend, dass sie in Deutschland eindeutig weniger Sport treiben als es in den Herkunftsländern der Fall war. Dafür  nimmt ein Phänomen wie „Zeit mit der Familie verbringen“ deutlich an Gewicht zu, die Befragten gestalten fast drei Mal häufiger ihre Freizeit im Familienkreis als früher. Daraus lässt sich schließen, das diese Jugendlichen sich immer häufiger vom öffentlichen Leben und von anderen Gleichaltrigen zurückziehen. Alle genannten Beschäftigungen deuten auf Isolierung und Vereinsamung der jugendlichen Russlanddeutschen sowie auf Schwierigkeiten, einen Anschluss zu den anderen Gleichaltrigen zu finden.

Russlanddeutsche Jugendliche beteiligen sich selten an den Angeboten der offenen Jugendarbeit. Die Feststellung, dass nur wenige Aussiedlerjugendliche ihre Freizeit mit einheimischen Jugendlichen verbringen, lässt auf deutliche Eingliederungsprobleme in die bundesdeutsche Aufnahmegesellschaft schließen. Einerseits liegt das Problem in den nichtvorhandenen sprachlichen Kompetenzen und dem Rückzug auf die Kontakte und Freundschaften innerhalb der eigenen Gruppe, andererseits aber haben die Vereine und Verbände bisher auch kaum Wege zu den Jugendlichen gefunden (4).    

Obwohl der Sport für viele junge Russlanddeutsche einen hohen Stellenwert hat, werden Angebote in diesem Bereich trotzdem selten wahrgenommen. Manchmal ist es sogar so, dass Jugendliche in Sportvereine eintreten, jedoch nach einer kurzen Zeit die Kontakte wieder abbrechen. Als Gründe für den Abbruch werden „fremde Atmosphäre im Verein“, „keine Lust mehr“ oder die kommerzielle Ausrichtung der Angebote genannt. Aus dem Herkunftsland sind die Jugendlichen gewohnt, dass die Kontakte zu den Vereinsmitgliedern eine freundschaftliche Basis haben, was nach den meisten Angaben in den hiesigen Sportgruppen vermisst wird. Aussiedlerjugendliche legen großen Wert darauf, die Freizeit mit den Freunden zu verbringen, das trifft auch für die Sportangebote zu, aber in den deutschen Vereinen erweist sich dieser Anspruch häufig nicht als realisierbar. (5)

In den Herkunftsländern war es vorrangig die Freizeit in der Natur zu verbringen, so waren die Aktivitäten in der alten Heimat eher draußen, hier sind sie eher drinnen. Für die meisten Jugendlichen ist es sehr wichtig die Natur als Gestaltungsraum für ihre freie Zeit zu nutzen. Daher gehören das Lagerfeuer, das Übernachten im Freien sowie das Fischen und andere naturverbundene Beschäftigungen zu den beliebten Aktivitäten der jugendlichen Aussiedler. Aber dadurch, dass die Natur in Deutschland anders als im Herkunftsland nicht grenzenlos frei zugänglich ist, dass für viele Outdoor-Tätigkeiten eine Menge von Regeln und Auflagen gelten und dass die Wohnsituation in den Unterkünften oder städtischen Wohnanlagen beengt ist, fehlt den Jugendlichen der Raum, um ihre Freizeit selbstorganisiert und spontan verbringen zu können. Oft ist es gar nicht möglich auf die Interessen dieser Jugendlichen einzugehen und nicht selten werden die gewünschten Aktivitäten der russlanddeutschen Jugendlichen von den Fachkräften gar nicht erst erkannt, denn sie gehören in der deutschen Sozialpädagogik nicht zum Standartangebot. Schnell bekommen sie das Gefühl, dass auf ihre Interessen keine Rücksicht genommen wird und dass sie nicht verstanden werden. Daraufhin suchen Jugendliche nach Lösungen und auch diese werden dann von der Bevölkerung und den Fachkräften nicht verstanden und falsch interpretiert - „Die hängen nur rum und tun nichts“, „Die wollen ja gar nicht“.(6)

Wenn Jugendliche sich von der Aufnahmegesellschaft nicht akzeptiert fühlen, sehen sie keine andere Möglichkeit, außer in der eigenen Gruppe zu bleiben, eben da wo sie sich anerkannt und verstanden fühlen. Das Zusammensein unter Gleichen ist nicht nur für die Freizeit wichtig, es hilft auch bei der Orientierung in der neuen Kultur und bei der Bewältigung von Erfahrungen. Die gleichaltrigen Landsleute bieten Sicherheit in der Fremde und Geborgenheit. Der Rückzug ins eigene ethnische Milieu hilft aber nicht nur beim sanften Übergang ins Neue, sondern kann diesen ebenso blockieren und zugleich zur Verunsicherung der Aufnahmegesellschaft beitragen.

Als Beispiel der Abschirmung kann man sogenannte „russische Treffungen“ oder „Russendiskos“ anführen; hier wird ein Stück Heimat mitten in Deutschland geboten: russische Sprache, russische Musik und die Nähe anderer Landsleute. Diese Veranstaltungen sind für andere Gruppen uninteressant, so wird zwar zum Teil ein Schutzraum geboten, aber dadurch auch keine Chance zur Kontaktaufnahme mit einheimischen Gleichaltrigen gegeben.

Ein weiterer, nicht weniger beachtlicher, Grund für den starken Bezug der jugendlichen Russlanddeutschen auf die eigene Gruppe ist, dass die meisten Jugendlichen vielen kostengebundenen Freizeitaktivitäten wie kulturelle Veranstaltungen, Kinobesuche, sportliche Aktivitäten, Reisen etc. nicht nachgehen können. Gegenwärtig sind jugendliche Spätaussiedler und ihre Familien häufiger von Sozialhilfeleistungen abhängig als einheimische Haushalte (7). Hinzu kommt, dass viele Jugendliche in Übergangswohnheimen oder Sozialwohnungen in abgelegenen Gebieten leben, wo die Informationen über bestehende Angebote bzw. die Angebote selbst kaum vorhanden sind und wo auch der Anteil an der einheimischen Bevölkerung sehr gering ist. Demzufolge haben die jungen Aussiedler kaum Gelegenheit mit einheimischen Jugendlichen in Kontakt zu kommen.

Dessen ungeachtet ist der Wunsch vorhanden, Beziehungen zu Einheimischen aufnehmen. Immerhin würden 70% der befragten Aussiedlerjugendlichen gerne mehr Kontakte zur einheimischen Bevölkerung haben.

Tabelle 4:    Wünschen Sie sich mehr Kontakte zu Einheimischen?

(n = 253, in %)

Ja

Nein

Weiß nicht

70,0

13,8

16,2

(Diese Daten sind entnommen aus: Aussiedler: deutsche Einwanderer aus Osteuropa, 1999, S. 174)

Auch die Hälfte der von mir befragten russlanddeutschen Jugendlichen hat den Wunsch zur Kontaktaufnahme geäußert. So lässt sich daraus schließen, dass es meist an den mangelnden Bedingungen und Möglichkeiten und auch nicht zuletzt an der ablehnenden Haltung der Mehrheitsgesellschaft liegt, dass Aussiedlerjugendliche sich nicht gemeinsam mit Einheimischen an den Freizeitangeboten beteiligen und verstärkt eine „innerethnische“ Gruppe bilden. 

Dabei ist besonders auffällig, dass der größte Teil der Aussiedlerjugendlichen selbst primäre Integrationsangebote wie  Information und Aufklärung nie oder selten erfahren.

 


 

[1] Vgl. : Giest-Warsewa, R.: Sich durchs Leben boxen. In: Psychosoziale Betreuung und psychiatrische Behandlung von Spätaussiedlern. Berlin 2002, S. 115

[2] Vgl. : Schäfer, H.: „junge Russen“ in Deutschland – Aussiedler verloren zwischen Herkunft und Zukunft? München 2002, S. 49

[3]Das Ergebnis ist überraschend, da andere Befragungen das Gegenteil aufweisen, so Dietz (1999)

[4] Vgl. : Schäfer, H.: „junge Russen“ in Deutschland – Aussiedler verloren zwischen Herkunft und Zukunft? München 2002, S.51

[5] Vgl. : Wehmann, M.: Freizeitorientierungen jugendlichen Aussiedler und Aussiedlerinnen. In: Aussiedler: deutsche Einwanderer aus Osteuropa. Osnabrück 1999, S. 219-220

[6] Vgl. : Schäfer, H., München 2002, S. 52

[7] Vgl. : Herwartz-Emden, L. / Westphal, M.: Integration junger Aussiedler: Entwicklungsbedingungen und Akkulturationsprozesse. Internetseite: http://www.herwartz-emden.de/onli/inte.html

 

 
  Copyright [ Leuschner ] 12. 2004