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Konfrontation mit dem veränderten Familienbild

von Lusjena Ruder

Für alle eingereisten Jugendlichen ist die erste Zeit im neuen Land durch einschneidende soziale Veränderungen gekennzeichnet. Das soziale Netz wird wesentlich eingeschränkt, der Verlust von Nachbarn, Freunden, Bekannten und teilweise von engsten Verwandten macht sich deutlich bemerkbar. Aber nicht nur die Umgebung ist anders geworden, sondern auch die gewohnte Lebensweise und der vertraute Alltag in der eigenen Familie wurden bedeutend umgestaltet und der neuen Situation angepasst.

Nach der Ausreise besteht das soziale Netz für etwa die Hälfte der jungen Russlanddeutschen in erster Linie aus der Kernfamilie, also den Eltern und Geschwistern. Bei etwa einem Drittel der Aussiedler kommen noch Großeltern und sonstige Verwandte hinzu.(1)

In der ersten Zeit nach der Einreise spielt die Familie für die jugendliche Aussiedler eine große Rolle, sie stellt den wichtigsten und (noch) einzigen emotionalen Bezugspunkt in einer fremden Umwelt dar. Das ist dann die einzige Gruppe, mit der die Jugendlichen die Erfahrungen des Lebens im Herkunftsland teilen. Die innerfamiliären Strukturen unterscheiden sich oft erheblich von den Familienstrukturen in Deutschland. Aussiedlerfamilien haben einen starken Zusammenhalt, der von den einzelnen Familienmitgliedern als lebenswichtig betrachtet wird. Ihr Rollenverhalten ist überwiegend traditionell geprägt und die Autorität der Eltern meist unangefochten. So spielen die Reaktionen der Familie auf das neue soziale Umfeld für die jugendlichen Russlanddeutschen eine bedeutende Rolle bei den ersten Schritten der Integration.

Nach der Einreise allerdings wird die traditionelle Familienstruktur, vor allem von den jungen Generation, oft in Frage gestellt. Durch viele verschiedene Faktoren verändert sich das Familienbild schnell. Für die jugendlichen Aussiedler sind viele Situationen völlig neu, sie werden ständig mit Veränderungen und Umstellungen konfrontiert.

Durch den Aufenthalt in einem Übergangsheim, fallen zuerst die eingeengten  Wohnverhältnisse massiv, als Veränderung auf. Pro Person besteht ein gesetzlicher Anspruch auf 4,5 qm, damit steht einer vierköpfigen Familie ein 18 qm großes Zimmer zu (2). Solch eine Wohnsituation lässt leider keinen Raum für die Bedürfnisse des Einzelnen und die Jugendlichen werden unmittelbar mit allen familiären Konflikten konfrontiert, seien es Eheprobleme der Eltern und Alkoholmissbrauch oder Aggressionen zwischen den anderen Bewohner und die damit verbundene Lärmbelästigung. Durch diese Bedingungen verliert die Familie als Ort der Geborgenheit und der Stabilität an Bedeutung.

Auch das Thema Freizeit stellt ein Problem dar. In den Herkunftsländern waren in der Regel beide Elternteile berufstätig. Um einen mehr oder weniger guten Lebensstandart zu halten, mussten sie oft lange Arbeitszeiten in Kauf nehmen. Daher hatten viele Eltern kaum Zeit für die Kinder, sie ließen sie schon früh allein und gaben ihnen viel Freiraum. In Deutschland sind die erwachsenen Familienmitglieder in der ersten Zeit arbeitslos, haben teilweise keine Ausbildung und es mangelt an einer sinnvollen Beschäftigung. Demzufolge verbringen die Angehörigen viel mehr Zeit mit einander, als es in ihrem Herkunftsland üblich war. Diese neue Konstellation ist für alle fremd und es entstehen früher nichtgekannte Reibungssituationen und Konflikte.

Oft entwickeln sich innerfamiliäre Beziehungen problematisch, weil nach der Einreise in die Bundesrepublik neue Konfliktlinien im Erziehungsverhalten auftauchen dadurch, dass herkömmliche Familienrollen und –hierarchien neu definiert werden müssen. Die jugendlichen Aussiedler orientieren sich schneller und leichter als die Eltern an den Gegebenheiten der deutschen Gesellschaft. Kinder erleben die Hilflosigkeit der eigenen Eltern mit ihren Sprach- und Arbeitsmarktproblemen und entziehen sich dem familiären Einfluss. Die Eltern verlieren ihre Autorität und Vorbildrolle, vor allem die Väter werden oft als Respektperson in Frage gestellt und nicht mehr als Beschützer und Ernährer der Familie angesehen. Auf weitere Veränderungen der Wertesysteme wird näher unter Punkt 4.5 eingegangen.

Auch die Tatsache, dass Kinder in der Regel viel schneller als ihre Eltern die Landessprache erlernen, verändert die Position der Jugendlichen in der Familie. Sie übersetzen die Gespräche zwischen Eltern und Lehrern, sie lesen und beantworten wichtige Briefe, füllen Formulare aus und begleiten ihre Eltern bei Behördengängen. Einerseits gibt das den Kindern ein Gefühl von Macht und Unentbehrlichkeit, führt gewissermaßen zu einer Abhängigkeit der Eltern, andererseits werden die Kinder stark belastet, da  sie ihre freie Zeit den Familienproblemen widmen und eine große Verantwortung tragen.

Die Eltern der jugendlichen Aussiedler sowie andere erwachsene Mitglieder der Familie können nach der Ausreise in den allermeisten Fällen den Kindern keine Orientierungshilfe bieten. Als Folge davon werden die familiären Strukturen durch den Kompetenzverlust der Elterngeneration brüchig.(3)

Die Kinder entgleiten ihren Eltern nach und nach, und weder der elterliche Druck noch das autoritäre Verhalten des Familienoberhaupts, generell des Vaters, können die Familie zusammen halten. In den Augen der Eltern sind die Freiheiten in Deutschland zu groß und die moralische Werte zu klein.(4)

Vor allem in den Familien mit sehr traditionell orientierten Eltern (strenggläubige Gruppen) entstehen oft Konflikte. Die Erwachsene lehnen den westlichen Einfluss in Hinblick auf Mode, Freizeitverhalten, größere Freiräume für Jugendliche und sogar manche Berufswünsche ab.  In dem Fall wird den Kindern die Teilnahme an in Deutschland üblichen Freizeitaktivitäten oder modische Kleidung verboten. Solche Haltung der Eltern kann ein deutliches Hindernis bei der Eingliederung der Kinder und Jugendlichen in die Aufnahmegesellschaft sein.(5)

Im Hinblick auf die mitgebrachten Erziehungsideale gibt die deutsche Gesellschaft den Aussiedlereltern keine Rückendeckung. Durch ein anderes Verhaltensmuster und eine andere Erziehungseinstellung, die Aussiedlerkinder bei einheimischen Altersgenossen und deren Eltern sehen, wird die Autorität der eigenen Eltern geschwächt. Demzufolge wird der erzieherische Einfluss der Eltern geringer. So kommt es, dass  jugendliche Aussiedler ihr Leben ohne die Hilfestellung bzw. sogar gegen die Konzeption der Elterngeneration selbst in die Hand nehmen müssen. 


 

[1] Vgl. : Strobl/Kühnel, Weinheim/München 2000, S. 89

[2] Vgl. : Giest-Warsewa, R.: Sich durchs Leben boxen. In: Psychosoziale Betreuung und psychiatrische Behandlung von Spätaussiedlern. Berlin 2002, S. 115

[3] Vgl. : Dietz, B./ Roll, H., 1998, S. 80

[4] Vgl. : Schäfer, H.: München 2002, S. 48

[5] Vgl. : Dietz, B.: Kinder aus Aussiedlerfamilien: Lebenssituation und Sozialisation, in: Sachverständigenkommission Zehnter Kinder-Jugendbericht (Hrsg.), Opladen 1999, S. 32

 
  Copyright [ Leuschner ] 12. 2004