|
|
|||
|
|||
| |
|
| |
|
| Besuchen sie auch: |
|
http://www.bundesauslaenderbeauftragte.de/ |
|
|
||
| |
||
|
Schulischer und beruflicher Werdegang von Lusjena Ruder Die schulische und berufliche Integration der jugendlichen Russlanddeutschen ist eine der wichtigsten Bedingungen dafür, dass sie am wirtschaftlichen und gesellschaftlichem Leben in der Bundesrepublik teilnehmen und sich in diesem Land eine Zukunft aufbauen können. Ihre ersten schulischen Erfahrungen oder gar einen Schulabschluss und berufliche Kenntnisse haben sie in den Herkunftsländern gemacht, wo das Ausbildungssystem ein anderes war. So haben sie eine zweifache Belastung sich ins deutsche Schul- und Berufssystem einzugliedern. Sie müssen nicht nur die Sprache lernen, sondern sich mit den Unterschieden, Besonderheiten und Anforderungen des neuen Systems auseinander setzen. Jugendliche Aussiedler aus der GUS kommen aus einem völlig anderen und somit schwer vergleichbaren Schulsystem. Die erworbenen Kompetenzen und Verhaltensmuster, wie hohe Merk- und Vortragsfähigkeiten, Disziplin, Improvisationsvermögen und ein kollektives und soziales Gruppenverhalten, bringen den Jugendlichen nach der Aussiedlung kaum Gewinn. Die Kultur der jungen Russlanddeutschen wird ignoriert, teilweise sogar marginalisiert. Jugendliche Aussiedler beteiligen sich häufig nicht am Unterricht, denn die Aufgaben, Inhalte und Verhaltensmuster sind ihnen unverständlich und fremd. Vor allem in der ersten Zeit sind sie stark irritiert durch das Neue und Andere, sie vermissen im Unterricht klaren Grenzen und Regeln, brauchen klare An- und Aufforderungen. Die Grundregeln, die jugendliche Aussiedler aus dem Herkunftsland kennen, verlieren an Bedeutung und geben keine Sicherheit mehr. Es ist keine Seltenheit, dass sie sich durch manche Handlungen und Fehleinschätzungen in den Augen der Einheimischen lächerlich machen. So passiert es schnell, dass sie keine Akzeptanz und Toleranz von Lehrkräften und Mitschüler empfinden und sich im Unterricht isolieren.(1) Über die Hälfte der eingereisten russlanddeutschen Jugendlichen (60%) haben in den Herkunftsländern einen sogenannten vollständigen Mittelschulabschluss, das heißt den höchstmöglichen staatlichen Schulabschluss, der meist dem deutschen Realschulabschluss angeglichen wird, angestrebt. In Deutschland dagegen besuchen diese Jugendlichen oft die Hauptschulen und zwar in einem verhältnismäßig wesentlich höherem Anteil als ihre einheimischen Altersgenossen. Viele jungen Aussiedler können nicht den in den Herkunftsländern angestrebten Bildungsabschluss in der Bundesrepublik zuendeführen.(2) Ein wichtiger Grund dafür könnten die Informationsdefizite über das deutsche Schulsystem und die Bedeutung der einzelnen Abschlüsse für die zukünftige Berufslaufbahn sein. Denn wie die Eltern so verfügen auch die Jugendlichen nur in seltenen Fällen über eine Kenntnis des deutschen Schulwesens bzw. Unterschiede zwischen den Schulen. Dazu kommt noch, dass die Eltern der russlanddeutschen Jugendlichen in den Herkunftsländern kaum in die Planung von Schul- und Ausbildungsverläufen einbezogen waren bzw. keinen Einfluss darauf hatten. So ist den Aussiedlereltern möglicherweise vorerst gar nicht bewusst, dass hier die Entscheidung über die Schulkarrieren ihrer Kinder in ihrer Verantwortung liegt. Ursprünglich beabsichtigten die meisten russlanddeutschen Jugendlichen einen höheren Schulabschluss. So planten deutlich über die Hälfte der im Jahr 2000 befragten Aussiedler den Realschulabschluss oder das Abitur, aber nur 35,2 Prozent der Befragten haben ihr Ziel erreicht.(3)Daraus entstehen leider Enttäuschungen, Hoffnungslosigkeit und Selbstunsicherheit, was auch für die spätere berufliche Laufbahn nicht vorteilhaft ist. Abgesehen von der Einstufung in eine geeignete Schulform, werden die jugendliche Aussiedler aus der GUS hier in deutschem Schulalltag, mit vielen zusätzlichen Problemen konfrontiert. Durch die Aussiedlung und die zunächst notwendigen Sprachfördermaßnahmen werden die jungen Russlanddeutschen meist in den Regelklassen zurückgestuft und verlieren so im Durchschnitt ein bis zwei Schuljahre. Daher sind sie älter als der größte Teil ihrer Mitschüler, was dem Aufbau von sozialen Beziehungen in der gleichaltrigen Gruppe im Wege steht. Als Begleiterscheinungen von solchen Lernsituationen entstehen Unterforderung und fehlende Motivation.(4) Auch die Ausbildungsaufnahme und der berufliche Werdegang von jungen Russlanddeutschen sind mit einer Reihe von Schwierigkeiten verbunden. In den letzten Jahren sank für einreisende Aussiedler die Chance erheblich, einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz zu finden (5). Vor allem haben Jugendliche, die vor der Einreise in die Bundesrepublik am Ende ihrer schulischen Laufbahn standen, gerade die Schule beendet oder eine Ausbildung angefangen haben, Probleme einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Sie müssen alle Veränderungen in einer sehr kurzen Zeit bewältigen und sich schneller als andere in der neuen Schul- und Bildungssituation zurechtfinden und vor allem die sprachliche Barriere rasch überwinden, um einen guten bzw. höheren Schulabschluss oder eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Dadurch sind Aussiedlerjugendliche, die zum o.g. Zeitpunkt ihre Herkunftsländer verlassen, auf einem momentan ohnehin ungünstigen Ausbildungsmarkt besonders stark benachteiligt. Jugendliche Russlanddeutsche, die schon eine abgeschlossene Mittelschulausbildung haben, müssen oft, um ihre Chancen zu verbessern, den Haupt- oder Realschulabschluss nachholen bzw. ihre Fachoberschulreife neu bestätigen lassen (6). Denn der vollständige elfjährige Mittelschuleabschluss, der den Herkunftsländern als Berechtigung zum Studium an der Hochschule gilt, wird nur bei der entsprechenden Fachkombination und Stundenzahlen, beispielweise Fremdsprachen und Gesellschaftslehre, als Realschulabschluss anerkannt, sonst als Hauptschulabschluss.(7) Allein deswegen müssen viele eingereiste Jugendliche ihre Ausbildungswünsche zurückschrauben und sich der Situation anpassen. So können die meisten Aussiedler ihre mitgebrachte Schul- und Berufsausbildung in Deutschland nicht umsetzen und arbeiten nun unterhalb ihrer vormaligen Qualifikation oder in einer völlig anderen Berufsrichtung. Nur ganz wenige Jugendliche können in der Ausbildung in Deutschland an den vorher erlernten Beruf anknüpfen.(8) Jugendliche Russlanddeutsche, die in der Bundesrepublik berufliche Schulen besuchen, bekommen seltener eine Lehre als einheimische Mitschüler und besuchen häufiger die Berufsfachschule, nehmen an einem Berufsvorbereitungsjahr teil oder an einem Ausbildungsgang speziell für Aussiedler. Die meisten Gründe hierfür sind, außer den allgemein schlechten Bedingungen auf dem Ausbildungsmarkt, Sprachprobleme, fehlender oder schlechter Hauptschulabschluss, Vorbehalte von Lehrstellenanbietern sowie Kürzungen bei den staatlichen Eingliederungsleistungen. So kommt es, dass die Ausbildungsgänge bei russlanddeutschen Jugendlichen vorrangig auf zwei Gebiete beschränkt bleiben, nämlich Dienstleistung und Fertigung. Weibliche Auszubildende bevorzugen dabei die Dienstleistungs- und männliche die Fertigungsberufe.(9) Diejenigen jungen Aussiedler, die ein Hochschulstudium anstreben oder fortsetzen möchten, müssen seit dem 15. April 1994 mit einigen Einschränkungen rechnen. Die Kulturministerkonferenz entschied, dass aus der GUS ausgesiedelte Studenten mit fachgebundener Hochschulreife ihr Studium nur dann vorsetzen können, wenn sie mindestens vier Semester im Herkunftsland studiert und die in diesen Studienhalbjahren geforderten Prüfungen abgelegt haben. Alle andere müssen erst einmal in einem Sonderlehrgang die Hochschulreife erwerben. Nach dem Konferenzbeschluss von 1994 soll der Erwerb der „Allgemeinen Hochschulreife“ nur noch den Besten möglich sein, die übrigen Teilnehmer erwerben mit der Abschlussprüfung den „Schulischen Teil der Fachhochschulreife“.(10) Somit wird auch hier der berufliche Werdegang für die jungen Aussiedler erschwert und ihre Ausbildungsdauer verlängert. Als Vorteil des Sonderlehrgangs kann man die gesteigerte Sprachkompetenz und höhere Orientierungsfähigkeit im Bildungssystem nennen, als Nachteil sind die unfreiwillige Gettoisierung (die Teilnehmer sind allesamt Spätaussiedler und werden nur mit anderen Aussiedlern zusammen untergebracht) und ein verspätetes Eintreten in die Ausbildung zu beobachten.(11) Nicht selten versuchen jugendliche Aussiedler die Schwierigkeiten der Berufsausbildung mit einer Joborientierung zu umgehen. Eine verlängerte Schulausbildung, geringes Bildungsniveau, Abhängigkeit von Eltern und unzureichende materielle Mittel sind alles Argumente, die diese Entscheidung begünstigen. Daher wundert es nicht, dass sie die Schule schnell verlassen und unsichere, ungelernte und geringbezahlte Beschäftigungen im Dienstleistungsbereich oder im Handwerk aufnehmen.(12) Jugendliche, die mit einer abgeschlossenen Ausbildung in die Bundesrepublik kommen und direkt nach dem Sprachkurs eine Arbeitstelle annehmen möchten, müssen ebenfalls einige Hindernisse überwinden. Die berufliche Eingliederung vollzieht sich in mehreren Schritten, nach der sprachlichen Ausbildung folgen die Prüfung auf Annerkennung der mitgebrachten Qualifikationen, Anpassungsqualifizierungen in Form von Umschulungen oder berufspraktische Weiterbildungen und nicht zuletzt die Arbeitsplatzvermittlung bzw. –suche. Nach Abschluss des Sprachkurses gibt es berufliche Integrationswege wie die unmittelbare Arbeitsaufnahme ohne Umschulung und damit in der Regel die Hinnahme einer mehr oder weniger langen Zeit der Arbeitslosigkeit und Arbeitssuche oder aber die Aufnahme einer beruflichen Weiterbildungsmaßnahme, bei der eventuelle Überbrückungszeiten in Kauf genommen werden müssen.(13) Es gelingt nur in absoluten Ausnahmefällen nach einem sechsmonatigen Sprachkurs eine Arbeitstelle in dem vormals ausgeübten Beruf aufzunehmen. Einer der Gründe ist das immer noch vorhandene Sprachdefizit. Speziell für qualifizierte Berufe reichen 6 Monate bei weitem nicht aus um sprachliche Barrieren zu überwinden. Ein weiteres Argument ist, dass seit Anfang 1993 die Übernahme der Lebenshaltungskosten bei einer beruflichen Weiterbildungsmaßnahme nicht mehrgegeben ist, wodurch Jugendliche auf Sozialhilfe angewiesen sind. Das Sozialamt wiederum fordert einen Nachweis über intensive Arbeitssuche; häufig wird die Unterstützung für Weiterbildung oder Umschulung abgelehnt und die Aufnahme eines wenigerqualifizierten Berufes dringend empfohlen (14). Ein weiterer Grund für die seltene Anknüpfung an vorher gelernte Berufe ist, dass die Annerkennung der mitgebrachten Berufsabschlüsse durch die geringe Vergleichbarkeit des Ausbildungssystems erschwert wird. Hinzu kommt, dass Qualifikationsanforderungen für gleiche Berufe im Herkunfts- und Aufnahmeland sehr unterschiedlich und nach einem nur sechsmonatigen Sprachkurs sowie neunmonatigem Aufenthalt in Deutschland (der Sprachkurs beginnt ca. 2-3 Monate nach der Einreise) kaum zu bewältigen sind.(15) Auf Grund des erschwerten Einstieges in die Berufswelt in der Bundesrepublik und der gekürzten finanziellen Unterstützung sind viele jugendliche Russlanddeutsche gezwungen statt Weiterbildungs- bzw. Umschulungsmaßnahmen eine berufliche Dequalifizierung in Kauf zu nehmen. Selbst wenn sie aus dem Herkunftsland eine vergleichsweise gute Ausbildung mitbringen, werden sie Hilfsarbeiter, Reinigungskräfte und nehmen andere Tätigkeiten, die keine bestimmte Ausbildung erfordern, an.(16) Langfristig gesehen untergräbt diese Joborientierung ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt, weil dadurch potentielle unstabile Erwerbsbiografien mit hohen Beschäftigungsrisiken und Unterbrechungen durch Arbeitslosigkeit entstehen.(17) An Hand von einigen wissenschaftlichen Studien steht fest, dass die Mehrheit der jugendlichen Aussiedler aus der GUS einem guten Schulabschluss und der Ausbildung einen hohen Stellenwert einräumt. Auch eine Studie zur Berufsbildung bestätigt, dass Aussiedler generell ein großes Interesse an Bildungsmaßnahmen haben(18). Also liegt es nicht an der grundlegenden Unwilligkeit oder einer prinzipiellen Verweigerung der russlanddeutschen Jugendlichen, dass sie keine oder eine einfache Schul- bzw. Berufsausbildung abschließen. Es beruht auch nicht auf ihrer Gleichgültigkeit oder Passivität, dass manche ihre mitgebrachte höhere Ausbildung hier nicht umsetzen oder weiterführen. Die Jugendlichen sind in einer durch viele Faktoren belastenden Situation, die sie an der erfolgreichen schulischen und beruflichen Eingliederung hindert. Besonders die Reduzierung der Sprachkursförderung und der Mangel der Information über Schul- und Ausbildungssystem- bzw. Verlauf haben in dieser Hinsicht gravierende Konsequenzen. Angesichts der Lage, in der sich diese junge Menschen befinden, ist davon auszugehen, dass ihr schulischer und beruflicher Weg von Enttäuschungserfahrungen geprägt ist, die dann sehr wahrscheinlich zu Entmutigung und Wut führen und nicht selten in einem gesetzeswidrigen Verhalten enden. [1]Vgl. : Schäfer, H.: „junge Russen“ in Deutschland – Aussiedler verloren zwischen Herkunft und Zukunft? München 2002, S. 56 [2] Vgl. : Dietz, B./ Roll, H., 1998, S. 59-67 [3]Vgl. : Strobl/Kühnel, Weinheim/München 2000, S. 108-109 [4] Vgl. : ebd., S.194 [5] Vgl. : Bade, K.J./ Oltmer, J.: Aussiedler: Einwanderer aus Osteuropa. Univ.-Verl. Rasch, 1999 der Universität Osnabrück, S. 138 [6] Vgl. : Strobl/Kühnel, Weinheim/München 2000, S. 196 [7] Kenntnisse aus Annerkennung von eigenem Mittelschulabschluss [8] Vgl. : Dietz, B./ Roll, H., 1998, S. 75 [9] Vgl. : ebd., S. 72-73 [10] Vgl.: Informationen zur politischen Bildung Nr. 267/2000, S. 46 [11] Nach eigener Erfahrung aus dem Sonderlehrgang im „Eichendorff-Kolleg“ Geilenkirchen (NRW) [12] Vgl. : Strobl/Kühnel, Weinheim/München 2000, S. 195 [13] Vgl.: Westphal, M.: Aussiedlerinnen – Geschlecht, Beruf und Bildung unter Einwanderungsbedingungen. Bielefeld: Kleine Verlag, 1999, S. 111 [14] Erfahrungen aus dem Grundpraktikum im Stadteilbüro Dormagen (1999) [15] Vgl.: Westphal, M., Bielefeld 1997, S. 112 [16]Vgl. : Dietz, B./ Roll, H., 1998, S. 72-73 [17] Vgl. : Strobl/Kühnel, 2000, S. 195 [18] Vgl. : Dietz, B./ Roll, H., 1998, S. 78
|
|
|
|
||
|
|
||
|
|
Copyright [ Leuschner ] 12. 2004 | |