INDIEN

Kinder und Kindheit in Indien

(von Claudia Popat)

 

Indien - Land und Stadt

Die größte Demokratie der Welt - Indien oder Bharat, wie es offiziell auch heißt, ist nach China das bevölkerungsreichste Land der Erde. Knapp eine Milliarde Menschen leben in Indien. Das sind fast 17% der Weltbevölkerung, ein Fünftel der Menschheit. Die ehemalige englische Kolonie wurde nach einem langen Freiheitskampf 1947 unabhängig. Sie wählte den Weg der parlamentarischen Demokratie.

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Land und Stadt

Indien ist ein Agrarland. Rund drei Viertel der Menschen leben auf dem Land. Die Bedingungen in den indischen Dörfern erscheinen einem westlichen Besucher oft als mittelalterlich. Elektrizität, sauberes Trinkwasser, Sanitäranlagen, Asphaltstraßen, Telefonleitungen, Bus- und Bahnverbindungen sind eine Seltenheit. Indien hat aber auch viele große Städte. Neben der Hauptstadt Neu- Delhi sind Kalkutta, Bombay und Madras zu Weltmetropolen geworden.

Armut in Indien

Indien ist die zehntgrößte Industrienation der Welt. Aber die technologische Entwicklung hat der Hälfte der indischen Bevölkerung bisher wenig bis nichts gebracht. 400 Mio. Menschen leben immer noch unterhalb der Armutsgrenze. Indien produziert zwar genügend Nahrungsmittel, aber die Verteilung ist ungerecht. Hinzu kommen Probleme wie Analphabetismus, Kindersterblichkeit, Arbeitslosigkeit, das Stadt-Land-Gefälle und die Landflucht.

Die technologische Entwicklung Indiens bleibt oberen Schichten vorbehalten

Kindheit in Indien

Von knapp einer Mrd. Inder sind 40 % jünger als fünfzehn Jahre alt. Es gibt also enorm viele Kinder in Indien. Sie wachsen in 25 Bundesstaaten in einem Land heran, deren Fläche fast so groß wie Europa und in dem neben den Hauptsprachen Hindi und Englisch zusätzlich 1652 Dialekte gesprochen werden, von denen 15 offiziell anerkannt sind. Es ist daher fast unmöglich von einer Kindheit in Indien zu sprechen. Dieser Bericht kann nur ein grober Ausschnitt indischer Kindheit sein und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Von den 80 bis 85 Mio. Kindern, die jedes Jahr zur Welt kommen, werden 17 bis 18 Mio. in Indien geboren.
Viele von ihnen sterben, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben, 99 von 1000 schon in den ersten zwölf Monaten. Das sind UNICEF- Zahlen für ein Land, in denen Kinder geliebt und vergöttert werden - vielleicht mehr als irgendwo anders auf dieser Welt. Es gibt kaum ein indisches Ehepaar, das freiwillig kinderlos bleiben möchte - unabhängig von der sozialen Schicht, der es angehört.
Eltern, die nicht unter erbärmlichen Zuständen um das nackte Überleben kämpfen müssen, tun alles, um ihren Kindern eine gute Erziehung und Kindheit zu ermöglichen. Kinder werden sehr verwöhnt, wenn es sich die Eltern leisten können.

Kinder in ???

Erziehung

Kinder werden in Indien bis zu ihrem fünften Lebensjahr als rein angesehen. Man sagt, in ihnen wohnen die Götter. Das fünfte Lebensjahr ist meist das Jahr der Einschulung und mit ihr beginnt auch die Erziehung der Kinder. Den Kindern wird nun die Unterscheidungsfähigkeit von "Gut und Böse" zugetraut. Die Kindererziehung gestaltet sich als recht ambivalent. Zum einen zeichnet sie sich durch besondere Verwöhnung und liebevolle Zuwendung aus. Das zeigt sich z.B. darin, dass die Mutter dreimal täglich warm und frisch kocht. So findet Liebe ihren Ausdruck in der Bereitstellung von Mangelware. Für die meisten Menschen in Indien ist das ohne Zweifel die Nahrung. Zum anderen erfahren indische Kinder sehr viel Strenge in der Erziehung, die darauf ausgerichtet ist, ihnen den Respekt vor Älteren beizubringen. Alle Älteren werden gesiezt, selbst die vielleicht nur ein Jahr ältere Schwester. Es bezeugt den Respekt vor der anderen Person und hat nichts mit Nähe oder Distanz zu tun. Von den Kindern wird Gehorsam erwartet, sie lernen Teilen und die Bedeutung der Gastfreundschaft.

Die Großfamilie

Ältere Familienmitglieder beteiligen sich an der Erziehung der jüngeren. Die Einmischung in Erziehungsfragen erwächst aus
gegenseitigem Interesse und ist üblich. Innerhalb der Großfamilie können Kinder neben ihren Eltern mehrere Bezugspersonen haben.
Die Familie stellt einen sozialen Status dar und sie ist darum bemüht, nach außen ein gutes Bild abzugeben. So wird in und von der Familie Negatives und Problematisches häufig tabuisiert oder verschönert. Über Gefühle und Probleme wird, wenn überhaupt nur im engsten Kreis gesprochen. Viele indische Kinder würden über ihre Eltern nie etwas Schlechtes sagen, selbst wenn es wahr und richtig wäre.

Die traditionelle Struktur der Großfamilie, in der das Zusammenleben von mindestens drei Generationen selbstverständlich ist, bricht jedoch allmählich zusammen, besonders in den Städten. Die Institution der Ehe ist jedoch nach wie vor meist intakt. Kinder werden als ihre wahre Erfüllung angesehen.

Geschwistertag

Es gibt in Indien unter den zahlreichen Festen und Feiertagen auch zwei Geschwistertage, "Rakhi" und "bhai-duj". Am Rakhi-Tag bindet die Schwester ein farbenfrohes Band um das Handgelenk des Bruders und am Bhai-duj-Tag malt sie ihm einen roten Punkt, eine "Tika" auf seine Stirn. Danach schenkt sie ihm Süßigkeiten und segnet ihn. Der Bruder verspricht, sie im Notfall zu beschützen. Er schenkt ihr dazu symbolisch Geld.

Schulausbildung

Der Nachwuchs der Mittel- und Oberschicht besucht die Schule, meist Privatschulen, deren Ursprung und System in der englischen Kolonialzeit wurzelt. So gibt es in Indien z. B. die Schuluniform. Eine aufwendige und kostspielige Ausbildung absolvieren auch immer mehr junge Frauen. Sie dient nicht nur der Bildung, sondern steigert zudem ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt. So heiratet z. B. ein Bauer die Tochter eines Bauern oder ein junger Arzt eine Braut mit ähnlich akademischem Abschluß. Diese "Sitte" reicht unter den Indern über deren Landesgrenzen hinaus. Während sich die Traditionen und Bräuche in Indien zu lockern beginnen, legen die Inder in Großbritannien oder Amerika meist sehr viel Wert auf die strenge Einhaltung ihrer Traditionen.

Kinderarbeit

Viele indische Eltern wandern mit ihren Kindern in die Städte ab in der Hoffnung dort Arbeit zu finden. Oftmals landen sie auf der Straße, (E) auf Gehwegen (F) oder in Slums, und sie versuchen irgendwie zu Überleben. Der "Reichtum der Nation", die Kinder, vegetieren dann im Schatten der Häuser, unter den Brücken, in ungenutzten Pipelines...

Kinder werden neben Hauptstraßen oder in Slums groß. Diese befinden sich in ???

Die Armen haben viel Kinder, weil sie auf Arbeitskräfte angewiesen sind. Die Reichen brauchen keinen großen Kindersegen. So werden nach und nach die Reichen reicher - und die Armen noch ärmer. Das Gefälle zwischen Reich und Arm, Stadt und Land wird immer größer. Dem neuen konsumhungrigen Mittelstand von 100 bis 150 Millionen Indern ist oft nicht bewußt, daß die schönen Teppiche in ihren Wohnstuben von 8 bis 10-Jährigen geknüpft wurden. Obwohl Kinderarbeit unter 14 Jahren verboten ist, arbeiten in Indien zur Zeit rund 44 Millionen Kinder im Alter zwischen sechs und vierzehn Jahren in der Teppichindustrie, in Steinbrüchen, Ziegeleien, Wäschereien, in der Tabakindustrie und in Streichholzfabriken, im Hotelgewerbe oder in den Privaten Haushalten. Es sind gerade die Kinder, die dadurch gesundheitliche Schäden und schwere Nachteile davon tragen. Viele Kinder arbeiten 12 bis 15 Stunden täglich. Sie erhalten oft einen geringeren Lohn als die Erwachsenen und sind daher als billige Arbeitskräfte sehr beliebt. Sie können in dieser Zeit keine Schule besuchen, zu mal sich arme Eltern die Schulgebühren nicht leisten können.

Die Arbeitsbedingungen sind teilweise katastrophal. Die Kinder sind giftigen Chemikalien ausgesetzt, leiden u.a. an Silikose (Staublunge), entwickeln Haltungsschäden und erhalten oftmals nicht ausreichend Nahrung. In der Teppichproduktion werden bevorzugt Kinder beschäftigt, die von ihren Eltern getrennt wurden und meist nicht einmal an hohen Festtagen ihre Familien besuchen dürfen. Die Eltern tun dies nicht etwa aus Boshaftigkeit, sondern weil sie hoffnungslos verschuldet sind. Eine große Anzahl lebt in "Schuldknechtschaft", bei der die Eltern sich gegen einen Kredit dazu verpflichtet haben, solange für den Geldgeber zu arbeiten, bis die Schulden abgeleistet wurden und das, bei Wucherzinsen und Niedrigstlöhnen. Die Schuldknechtschaft ist zwar offiziell verboten, aber dennoch üblich. In einer solchen aussichtslosen Situation schenken die Eltern den Werbern gerne Glauben, wenn diese die Kinder für einen finanziellen Vorschuß mitnehmen und dabei das Blaue vom Himmel versprechen.
Eltern geraten in solche Schuldknechtschaften, wenn sie sich Geld leihen müssen, z B. nach Mißernten, für Medizin oder für die Mitgift bei der Hochzeit einer Tochter. So scheint es kaum verwunderlich, wenn die Geburt eines Mädchens nicht so erwünscht ist, wie die eines Sohnes. Müssen Eltern für mehrere Töchter die Mitgift aufbringen, um sie zu verheiraten, kann das ihren finanziellen Ruin mit sich bringen.

 

Ich danke meiner Schwiegermutter, Frau Dr. Yajnaseni Popat, dass sie mir Einblicke in indische Kindheit gegeben hat.

Alle Fotos: Claudia Popat