AFRIKA

Gesichter Afrikas
- Ein Erfahrungsbericht

(von Relana Mühlhausen)

Bild

Im letzten Jahr reiste ich nach Südafrika, um ein Praktikum in Constantia, einer überwiegend "weißen Gegend" am Fuße des Tafelberges (auf der dem Meer abgewandten Seite, d.h. durch den Berg und die Kirstenbosch Gardens von Kapstadt getrennt) zu absolvieren. Ich wollte das Land kennenlernen, in dem ich geboren wurde und nach dem meine Mutter sich Zeit meines Lebens gesehnt hat, nachdem sie nach mehreren Jahren Aufenthalt dort nach Deutschland zurückgekehrt war. Ihre Träume und meine wagen frühkindlichen Erinnerungen an Gerüche, Wärme, die Haut meiner "Nanny", Trommelmusik im Gepäck... Ich saß im Flugzeug und versuchte, mich auf ein Land vorzubereiten, mit dem ich mich zwar irgendwie verbunden fühlte, über das ich jedoch nur bruchstückhaft etwas wusste. Ich nahm mir vor, auf dieser Reise Puzzlesteine "meines" Afrikas zusammenzufügen und durch meine eigenen Beobachtungen auf dieser dreimonatigen intensiven Reise zu einem Gesamtbild zu ergänzen: Meine Puzzlesteine waren die romantischen Eindrücke aus Filmen wie "Jenseits von Afrika" oder sogar auch "König der Löwen", die die endlose Weite mit dem Sonnenuntergang entgegen ziehenden Herden von Zebras oder Antilopen zeigen und ein vollkommenes Bild Afrikas malen, Schreckenszenen aus "Schrei nach Freiheit" oder Erzählungen von Freunden meiner Mutter über Begegnungen mit Apartheid und der unfassbaren Ungerechtigkeit zwischen schwarz und weiß zu einem großen Gesamtbild zusammenzufügen, zu "meinem" Afrika.

Bild

Mit dieser etwas überzogenen Darstellung meiner Erwartungen an meinen ersten bewussten Besuch in Südafrika wollte ich verdeutlichen, was meinem Eindruck nach - und ich weiß jetzt, wie wenig ich weiß - die Spannungen, aber auch die Faszination des Landes ausmachen: seine Vielfältigkeit, landschaftlich sowie in Form unterschiedlichster Mentalitäten, die sich "irgendwie mit Afrika verbunden" fühlen und die auf "ihr" Afrika nicht verzichten wollen, dessen Schönheit überwältigend ist ebenso wie die Liebe seiner Menschen, die oft spürbar in Hass umschlägt, wenn es um Ansprüche auf dieses Land geht, in dessen Venen das Blut verschiedenster Stämme pulsiert.

Sie alle, jeder einzelne von ihnen, zeichnet sein eigenes Bild des Landes, liebt ein bestimmtes seiner Gesichter. Ich habe einige von ihnen kennengelernt und mit jedem weiteren Tag meiner Reise, mit jedem neuen Gespräch, mit jeder Antwort auf eine meiner Fragen, die zehn neue Fragen aufwarf, einen kleinen Farbklecks für meine persönliche bunte Afrika- Landkarte bekommen, die immer weiße (oder schwarze?!) Flecken behalten wird für weitere Facetten des Unerschöpflichen - Gesichter Afrikas.

Kindheit in Südafrika heute - eine Stellungnahme

Der Kindheitsbegriff ist nur im sozio-kulturellen Kontext zu sehen und ist ein gesellschaftliches und soziales Konstrukt, was bedeutet, dass schnell die Gefahr besteht, Kindheit in anderen Kulturkreisen an eigenen Maßstäben zu messen und zu werten. Dies sollten wir uns immer wieder bewusst machen, wenn wir Aussagen über Notdürftigkeit, Kinderarbeit, Schonraum, Freiheit, etc. machen.
Auch in Südafrika sind ein Großteil der Probleme eben erst dadurch entstanden - Europäer wollten das Leben der "kulturlosen Wilden" lebenswert machen, bilden, missionieren, verändern - und haben (dabei sei dahingestellt ob willentlich oder unbeabsichtigt) Abhängigkeiten geschaffen.

In Europa hat es Zeiten gegeben, in denen Kinder am Leben der Erwachsenen selbstverständlich teilnahmen, wie es noch heute in vielen Regionen Afrikas der Fall ist: Kleinkinder werden mit Tüchern auf den Rücken gebunden und z.B. mit zum Markt genommen, Kinder sind bei den Arbeiten ebenso dabei wie bei den Festen, und in vielen Familien helfen sie schon sehr früh bei Erntearbeiten, im Haushalt oder bei der Beaufsichtigung jüngerer Geschwister.

Erst im 18. Jahrhundert entwickelte sich in Europa ein Bewusstsein für Kindheit als besondere Lebensphase mit eigenen, anderen Bedürfnissen, Antrieben, Denkweisen. Zunehmend wurde Kindern ein eigener "Schonraum" zur Entwicklung eingeräumt und die Notwendigkeit von Erziehung gesehen. Kinder galten nun nicht mehr als "kleine Erwachsene", ihnen wurden bestimmte, als schädlich für die Entwicklung erachtete, Bereiche der Erwachsenenwelt vorenthalten. Es entwickelten sich diesbezügliche Theorien, die verschiedene Erziehungsansätze nach sich zogen, die das heutige Menschenbild (und somit den jeweiligen Anspruch an die Erziehung) geprägt haben und in der reflektierten Arbeit mit (Straßen-) Kindern (bzw. überhaupt als "erziehungsbedürftig" erachtete Menschen) von Bedeutung sind. John Locke z.B. sprach von "Allmacht der Erziehung", d.h. ein Formen/ Manipulieren der Kinder in jede beliebige, vom Erzieher gewollte Richtung; das Kind wird zu einem steuerbaren Objekt.

Andere Theorien sind subjektorientierter: Rousseau hält Kinder für genetisch determinierte und insofern nicht mehr von Grund auf veränderbar und spricht von einem "Selbstentfaltungswillen", der den Handlungen von Kindern zugrunde liegt. In diesem Sinne besteht eine sozialpädagogische Aufgabe in der Unterstützung dieses "Selbstentfaltungswillens", bzw. darüber hinaus in einem adäquaten Umgang mit Konsequenzen seiner Unterdrückung: In Südafrika sind Aggression/ Frustration/ Gewalt/ Kriminalität oder Resignation (z.B. in Form von autoaggressivem Verhalten, Depression, Drogenmissbrauch) und Identitätsverlust/ Verlust der Selbstachtung (Prostitution, etc.) Elemente des alltäglichen Lebens. "Empowerment" ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Begriff (s.u.).

Ein kultureller Vergleich

Um einen kulturellen Vergleich von Kindheitstheorien anzustellen, möchte ich im Folgenden anhand eines Textes "Die Erben der Weisheit - Das Verhältnis der Generationen" von Chenjerai Hove aus dem Buch "Der bunte Kontinent - Ein neuer Blick auf Afrika"
(s. Literaturverzeichnis) kurz die Einstellung der Shona, einem Volk in Simbabwe, beschreiben und in Bezug setzen zu Aussagen Janusz Korczaks, da ich mehrere Parallelen entdeckt habe.

Bild

"Das Volk der Shona in Simbabwe hat den Spruch geprägt: Ein Kind ist ein König. Das Bedeutende an diesem Spruch ist, dass die Unschuld des Kindes es ihm erlaubt, mit Königen zu speisen, während es naive, aber klare und ungezwungene Lebensbetrachtungen anstellt. [....] Das Kind wird zum Weisen. Junge und Alte treffen sich zum Tanz, der nur von den Göttern beaufsichtigt wird."Quelle

Zitat von J. Korczak, dem Begründer der "Pädagogik der Achtung":
"Das Kind wird nicht erst Mensch, es ist schon einer."Quelle

Die Shona glauben an Wissensströme: "Es gibt im Leben Wissensströme. Wissen aus der Vergangenheit, aus der Gegenwart, aus der Zukunft. Das Wissen von Fremden wie den Europäern und das Wissen der Älteren. Konfrontiert man die Alten mit einer neuen Form des Wissens, suchen sie die Jungen auf. Sie sagen: Dieses Wissen ist mir zu hoch, nur ein Junger kann so etwas wissen. Wir sind alt und kennen vielleicht nicht alle Wissensströme. [....] Genau wie sich die Flüsse an einem Punkt treffen, treffen auch die Flüsse des Wissens an einem Punkt zusammen. Das Zusammenfließen von Wissen ist der Treffpunkt von Flüssen der Weisheit, die niemals austrocknen, der Jungen und Alten, ein Treffpunkt von Generationen. Man kann mit Sicherheit sagen, dass der Generationskonflikt zwischen Jung und Alt keine Erfindung Afrikas ist.
[....] Für die meisten Afrikaner bedeuten die Jungen eine Investition in die Zukunft."Quelle

Deshalb bauen sie ihre Gesellschaft darauf auf, diesen materiellen Wohlstand sowie Wissen zukommen zu lassen, wobei letzteres von größerem Wert ist.

Bezug zu J. Korczak: "Eine Gesellschaft kann sich nicht menschliche Gesellschaft nennen, solange nicht jeder ein Dach über dem Kopf hat oder jemand Hunger leidet. [....] Eine vollwertige Kindheit ist für die Entfaltung der Persönlichkeit nötig."Quelle

Hove schreibt: "[....] Wenn die Eltern den Sohn oder die Tochter in die Schule schicken, investieren sie in die Jugend, damit diese sich später einmal um sie kümmern. Die abscheulichste Geschichte, die man afrikanischen Eltern erzählen kann, ist die, dass man sie in ein Altersheim bringen wird. Widerlich! Das ist, als würde man eine Wissensbank in ein Altersheim stecken, wo das Wissen nie genutzt würde; als handle es sich um eine Blechbüchse, die niemand mehr braucht.
[....] In Afrika sind die Kleinen, die man großzieht, ein Traum, keine Last. Einen Lehrer nennt man in Simbabwe Dambansvana, was soviel heißt wie: der, der die Kinder großzieht, indem er mit ihnen spielt. Der Lehrer ist die Fleischwerdung jenes Traumes, der uns alle am Leben erhält."Quelle

Auch J. Korczak erkannte die Bedeutung des Spiels für die Entfaltung der Persönlichkeit und organisierte in seiner Studienzeit Spiele für verwahrloste Kinder von der Straße.

Bei den Shona ist Redegewandtheit von außerordentlicher Bedeutung. Die Aufgabe der Alten ist es somit, Kinder im Erzählen zu schulen. Dies erinnert an J. Korczaks "Pädagogik des Erzählens" und an die Tagebücher, die er Kinder schreiben ließ.

"Worte sind Transportmittel der Weisheit, die es einem ermöglicht, durchs Leben zu gehen und seinem Schicksal Form zu geben.
[....] Die Geschichte lebt ewig fort. Am Ende der erzählten Geschichte muss der traditionelle südafrikanische Geschichtenerzähler zu einem Schluss kommen. Doch zuvor stirbt er, und es ergeht der Aufruf, dass ein anderer Erzähler die Geschichte fortsetzen möge. Jüngere voller Energie und heißem Blut müssen die Geschichte der Weisheit, die ihnen von den Alten hinterlassen wurde, fortführen. Und diese Alten sind Historiker und Dichter. Die Jungen sind die Erben dieses Wissens und der Weisheit, aus denen sie die Kraft gewinnen, weiterzumachen. Dichtung, Erinnerung, Geschichte und sogar die Landschaft sind ein Aufenthaltsort der Lebenden und der Toten, der Jungen und der Alten, eine Vereinigung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Durch die Begegnung zwischen den Kulturen kommen die Jungen vielleicht auf neue Gedanken, wollen sein wie Mike Tyson oder ein anderer amerikanischer Star. Doch bis zum Sonnenuntergang des Lebens kommen sie zurück zu den Alten. Sie blättern im Buch des Wissens und der Weisheit, das die Alten zusammengetragen und in ihrer Erinnerung bewahrt haben. [....]"
Quel
le: Hove, C.: "Die Erben der Weisheit" in Plate, C. und Sommer, T. (Hrsg.): "Der bunte Kontinent"

Kindheiten im Kontext

Bild

Hove stellt hier Kindheit in Afrika in einem fast schon romantischen Licht dar, das ich für einige Regionen Südafrikas uneingeschränkt bestätigen kann (ein einschneidendes Erlebnis war der Besuch eines Krankenhauses, in dessen überfülltem Wartezimmer niemand ungeduldig wurde, Mütter ihre Jüngsten oder auch mal ein Dreijähriges stillten, Leute sich selbstverständlich auf den Boden setzten, wenn kein Stuhl mehr frei war und eine Atmosphäre herrschte wie auf einem Dorfplatz. Ich habe während der gesamten Reise in Afrika kein Kind schreien oder weinen sehen und immer wieder die Ruhe der Eltern bewundert und die Zeit, die da ist für die Kinder). Jedoch insgesamt waren die Eindrücke vom Kindheitsverständnis in Südafrika so vielfältig wie seine Landschaft und standen im Kontext zu ethnischen Hintergründen, Grad der traditionellen Verbundenheit, europäischem Einfluss und der speziellen Lebenssituation. So trifft man häufig auf zerrissene Familien, weil der Vater in der Stadt arbeitet und die Kinder mit ihren Müttern, Großeltern oder im Dorfverband auf dem Land leben. In der Transkei zum Beispiel, wohin zu Zeiten der Apartheid in den Städten lebende Schwarze vertrieben wurden, findet man noch fast ursprünglich lebende Familien, die in Rondavels (Rundhütten) wohnen und vom Fischfang, Muschelsuchen oder Ziegenzucht leben. Andererseits soll gerade dort die Arbeitslosigkeit mit am höchsten sein: bis zu 85%!

In den Städten wird man als Tourist sehr häufig von bettelnden Kindern angesprochen, von denen die meisten abends zurück zu ihren Familien in die "Townships" fahren. Die meisten Kinder verkaufen etwas (Kaugummis, Haarbänder, o.ä.) oder arbeiten im informellen Sektor (Zeitungsverkauf, Schuhe putzen, Autos in Parkplätze einweisen, Führungen zu Besonderheiten der jeweiligen Gegenden - wir sind u.a. anderthalb Stunden zu einer pfützengroßen, stinkenden "Schwefelquelle" geführt worden und mussten uns zur Freude der Kinderhorde, die uns begleitete, mit dem brodelnden Schlamm einreiben...). Mit diesen Arbeiten verdienen sie oft mehr Geld als ihre Väter, die z.B. auf Plantagen helfen oder an der Tankstelle arbeiten. Viele Väter scheitern an Arbeitslosigkeit, viele am Alkohol, und Gewalt gehört, wie häufig berichtet, in vielen Familien zum Alltag.

Bild

Südafrikas Kinder wurden hineingeboren in eine Welt, deren Vielfalt sich spiegelt in der Landschaft mit ihren gigantischen Bergen, den Wassermassen und einer atemberaubenden Flora und Fauna ebenso wie in den verschiedenen Kulturen, Denkweisen, Lebenszielen und nicht zuletzt in einer Vielzahl daraus resultierender Probleme. Probleme, die globale, nationale oder familiäre/ institutionelle Ursachen haben, sind z.B. (Reihenfolge ohne Bedeutung):

  • Korruption (Klein-/ Großkoruption/ Plünderei)
  • Krankheiten (durch mangelnde Hygiene, med. Versorgung, Aufklärung)
  • AIDS
  • Armut
  • Versuche der Pharmaindustrie
  • steigende Kinderzahlen/ Waisen
  • Kriminalität
  • Hass und Rachsucht als Konsequenzen des unterdrückenden Apartheidregimes
  • Prostitution und Kindesmissbrauch
  • Gewalt
  • Hunger
  • Folgen einiger Ansätze von Entwicklungs- "Hilfe"
  • Naturkatastrophen (Dürre, Überschwemmungen)
  • Alkhoholismus
  • illegale Drogen/ Drogenmissbrauch
  • boomender Tourismus
  • unterschiedlichstes Bildungsniveau
  • Schwierigkeiten von "Black Empowerment" und "Affirmation"
  • Mädchenbeschneidung
  • Angst, Verwirrung, Orientierungslosigkeit
  • ...

Heute Kind zu sein in Südafrika kann demnach viele Gesichter haben. Es kann bedeuten, ein Leben zu leben mit Tennis, Kricket und Picknick am Strand, getrübt vielleicht nur durch die Angst vor bettelnden Kindern, vor denen man die Autotüren, die Hofgatter mit den spitzen Metallzacken und die Augen verschließt. Es kann ein Leben sein in einer Großfamilie zwischen Hühnern, Ziegen und der geteilten Angst vor zuviel Sonne oder enormen Regengüssen, oder ein Leben auf der Straße mit allen Herausforderungen, die es mit sich bringt.

Bild

Was mich immer wieder erstaunt hat, ist, dass in einem Land Kinder unter so unterschiedlichen Bedingungen Seite an Seite aufwachsen können und dabei so wenig voneinander erfahren! Und wenn jemand mehr weiß, sind dies meist schwarze Kinder, die (nach wie vor, also auch nach offizieller Abschaffung der Apartheid) in weißen Haushalten arbeiten und über die Lebensweise der Weißen lernen, während kaum ein weißes Kind sich bewusst darüber zu sein scheint, wohin das schwarze Dienstmädchen oder der Stallbursche abends in einem der öffentlichen Minibusse fährt, vor denen die Touristen eindringlichst gewarnt werden.
Diese Minibusse - was für eine Begegnungsstätte, was für ein Abenteuer! Kinder werden Fremden auf den Schoß gesetzt und Marktwaren verteilt, Klicklaute der warmen Khosa! - Sprachen schwirren durch die Luft und unter den aneinandergedrängten, offen und breit lächelnden Menschen vermischen sich in klebrigem Lachen Schweiß, zwischen nackten Zehen hereingetragener Dreck und gärendes Obst.

Und plötzlich begreift man, dass man sich gerade scheinbar unerklärlich wohl fühlt - und dem Leben ganz nah. Und man versteht wieder ein Stückchen mehr, warum sich hier so unterschiedliche Menschen Zuhause fühlen und für ein Leben in diesem Land kämpfen.

Gibt es ein Weg zueinander?

Jeder spricht von einer glücklichen Zukunft des "bunten Kontinents", doch konkrete Schritte auf sie zu sind schwer zu formulieren und noch schwerer umzusetzen. Nelson Mandela, der für alle eine Art Verbindungsglied zu sein scheint, hat einen Weg aufgezeigt: Bildung.

Auf der Gefängnisinsel "Robben Island" hat er eine "Universität" eingerichtet, in der die Gefangenen sich gegenseitig lehrten, was sie wussten, und hat so Verzweiflung, Angst, Einsamkeit, Hass, Gewalt, Langeweile, Engstirnigkeit, Unverständnis entgegengewirkt. Er schrieb das Buch "Long way to freedom" und wurde zum Hoffnungsträger der ganzen Nation.

Nun fühlen sich viele alleingelassen und enttäuscht und wieder ihres Zukunftzieles beraubt, weil sein gewaltfreier Weg kurzsichtig der längere scheint, und obwohl seine Präsenz nach wie vor Vieles zusammenhält und beruhigt, werden immer wieder Stimmen laut von Menschen, die nicht warten wollen, bis zum Beispiel ihre Kinder durch gleiche Schulbildung zu gleichen Berufschancen gekommen sind, sondern die Umkehrung des damaligen Systems fordern: Rache, eine schwarze Macht, die Unterwerfung der weißen "Diebe des Landes". Die Zukunft ist ungewiss, und viele verlassen das Land.
Es wird deutlich, wie schwierig es sein muss, so aufzuwachsen: Spannungen überall, unterschwelliges Brodeln, "Leiden-"schaft, widersprüchliche Moralvorstellungen, Hass - ein Sumpf aus Träumen und Enttäuschungen.

Bild

Dementsprechend schwer ist es, mit Hilfskonzepten anzusetzen. Inwiefern ist "Empowerment" mehr als eine guter Grundsatz, also wirklich durchführbar? Wo liegen die Grenzen unserer Akzeptanz? Natürlich sind wir für die Wahrung alter Traditionen, aber was, wenn es zu Themen wie Mädchenbeschneidung kommt?

Das Beispiel AIDS

Sehr gut lässt sich eine komplexe Problematik am Thema AIDS aufzeigen, das in Südafrika offensichtlich vorrangig ist vor vielen anderen Problemen: Auf der Titelseite der meistgelesenen Zeitung Kapstadts gibt es eine Sparte, die täglich die Zahl der AIDS- Toten, der HIV- infizierten Kinder in den Heimen und z.B. das Alter des jeweils jüngsten Opfers angibt, an großen Gebäuden sind überdimensionale Solidaritätsschleifen angebracht und Plakate werben für die Benutzung frei erwerblicher Kondome - es scheint sich etwas zu tun!

Die Realität sieht anders aus:
Eine Lehrerin erzählte, dass die Aufklärungsstunden in den Schule schon wieder der Vergangenheit angehörten und die Tabus noch lange nicht überwunden seien.
69% aller HIV- Infizierten weltweit leben in Afrika, ein Drittel aller Südafrikaner sind laut Zeitung infiziert!
Die Prostitution hat trotz solcher Schreckensmeldungen kaum nachgelassen, der Sex- Tourismus bezieht immer jüngere Frauen/ Mädchen mit ein.

Am Strand lernte ich eine Frau kennen, die in einer Einrichtung für AIDS- kranke Kinder - überwiegend Vergewaltigungsopfer!- arbeitete. Sie berichtete: das Vertrauen in die "weiße" Medizin hat durch AIDS wieder stark nachgelassen, weil sie hier an ihre Grenzen gerät (abgesehen davon werden ein Großteil noch nicht ausreichend erforschter Medikamente auch von der deutschen Pharmaindustrie in großflächigen Studien in Afrika getestet!). Erkrankte suchen wieder zunehmend Medizinmänner auf, unter denen es welche gibt, die dazu raten, "the evil spirit" auf möglichst Viele zu verteilen, um das Leid gemeinsam zu tragen und zu besiegen. Und einige versprechen Heilung durch Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau. So kommt es, dass AIDS- Kranke sich immer wieder an Minderjährigen vergehen, bei denen Jungfräulichkeit gewährleistet ist - die Lehrerin berichtete, das jüngste Vergewaltigungsopfer der Einrichtung sei acht Monate alt!

Hilfsprogramme gegen AIDS können an verschiedenen Punkten ansetzen:

  • niederschwellig (Begleitung der AIDS- Kinder bis zum Tod);
  • mit Ausgabe von kostenlosen Kondomen (Schwierigkeit: Benutzung ist tabuisiert);
  • Verkauf/ kostenlose Ausgabe von Medikamenten;
  • Aufklärungsprogramme an Schulen;
  • Unterstützungsmaßnahmen für die Familien Infizierter;
  • Heimplätze für die zunehmende Zahl an AIDS- Waisen.

In der AIDS- Problematik spielen mehrere Faktoren eine Rolle:

  • Prostitution und Kindesmissbrauch;
  • erschwerte Aufklärung aufgrund von Analphabetismus und geringem Effekt der Medien, weil diese viele Gebiete/ Personengruppen gar nicht erreichen, bzw. nicht verstanden werden (in Südafrika gibt es weit über vierzig verschiedene Sprachen!);
  • Aufeinandertreffen neuer Lebensweisen/ "moderner" Probleme mit traditionellen Einstellungen (Tabus, etc.), Armut (daraus folgt Prostitution, mangelnde Schulbildung, kein Geld für Medikamente usw.).

In Bezug z.B. auf Drogenmissbrauch lassen sich gleichermaßen komplexe Zusammenhänge herstellen.

Was ist 'Hilfe'?

Was Hilfe weiterhin erschwert, ist die Korruption in jedem Bereich, beim kleinsten Vertrag in einem Laden bis hin zu regierungspolitischen Strukturen.
Kleinkoruption ist "normal" und findet fast legal (oder besser: offiziell) statt, z.B. bekommen Polizisten Schmiergelder, wenn sie über Verkehrsdelikte hinwegsehen. Bei der Großkorruption geht es um hohe Beträge, z.B. behalten Regierungsbeamte einen Prozentsatz der Gelder für Baumaßnahmen ein (manchmal 100%, d.h. die etwaige Straße wird nicht gebaut!). Machthabende bezahlen für die Wiederwahl, nicht zuletzt, um dem Risiko der Aufdeckung früherer Unterschlagungen zu entgehen. Bei Plünderei haben oftmals andere Länder Einfluss auf die Verwendung (oder eben nicht) immenser Summen - die nicht selten bei vermeintlichen Hilfsprojekten einbehalten werden - Chaos!

Gezielte Hilfe bedeutet also, sich mit den Strukturen des Landes in möglichst jeder Hinsicht auseinanderzusetzen, was nicht einfach ist.
Sehr oft auf meiner Reise hatte ich das Gefühl, mit zunehmendem Hintergrundwissen immer weniger zu verstehen!
Das mag entmutigend klingen, darum hier ein Zitat einer UNICEF- Mitarbeiterin aus dem Buch "Die verlorenen Kinder von Addis Abeba":
"Nichts zu tun, weil man denkt, nur wenig tun zu können, ist keine Lösung."Quelle

Bildbeschriftung??

Ich denke, dass eine Balance gefunden werden muss, zwischen dem Drang, unmittelbar und evtl. vorschnell helfen zu wollen und Resignation. Auseinandersetzung mit der eigenen Motivation zu helfen (J. Korczak: "Erkenne dich selbst, bevor du ein Kind zu erkennen trachtest."Quelle) und die Entwicklung eines tiefgehenden, aber produktiv kritischen Verständnisses für die Andersartigkeit einer fremden Kultur sollten ausreichen, vor übertriebener Angst vor Fehlern zu schützen.

In einem Land wie Afrika, das im Grunde genommen noch heute Pionierland ist, sind die Möglichkeiten zu helfen so vielfältig wie das Land selber - es besteht die Chance, die Zukunft einer faszinierenden Welt mitzugestalten.

Dieses Gefühl sollte allen Kindern (Südafrikas) vermittelt werden.

Bild

Literatur

Hove, C.: "Die Erben der Weisheit" in Plate, C. und Sommer, T. (Hrsg.): "Der bunte Kontinent" Datum, Ort, Verlag usw.
restliche Bücher...